Baden-Württemberg

DIE ZUKUNFT HEUTE BAUEN

Wie wir gute Vorfahren werden

Wer baut, baut auf die Zukunft – und investiert dabei viel Geld und Mühe. Doch nicht nur das: Wer baut, baut vor allem auch für die Zukunft. Denn Bauwerke überdauern Jahrzehnte, einige sogar Jahrhunderte. Nachhaltigkeit als Tugend eines Bauwerks ist aktueller denn je: Wer richtig baut, schafft Langzeitqualität, bindet CO2 und hilft mit, dass natürliche Ressourcen nur einmalig anstatt mehrfach für Nachfolgebauten eingesetzt werden müssen.

Heilbronn, Neckarbogen BuGa Luftbild, Foto: © Nikolai Benner, o. J.

Jede Generation versteht unter „richtig bauen“ etwas anderes. Das leuchtet ein. Gesellschaft wandelt sich, die Ansprüche und die Möglichkeiten wandeln sich mit ihr. Doch jede Generation sollte sich auch fragen: Hinterlassen wir ein bauliches Erbe von Qualität, eines, das auch unsere Nachkommen nutzen und wertschätzen können? Mit anderen Worten: Wie werden wir gute Vorfahren auf dem Gebiet des Bauwesens?

Dieser Ansatz hat unter den Bauschaffenden im deutschen Südwesten eine lange Tradition, und das bereits vor Gründung des Landes Baden-Württemberg im Jahr 1952. Viele wegweisende, innovative Bauwerke und Quartiere sind dabei entstanden, wie etwa die Weissenhofsiedlung in Stuttgart vor fast 100 Jahren.

Für die Landesregierung Baden-Württemberg ist klar: Auch wir wollen im Bauen gute Vorfahren für unsere Nachkommen gewesen sein. Wir packen deshalb nicht nur die Herausforderungen unserer Zeit an. Wir wollen weiter nach vorne blicken und Handlungsspielräume der Zukunft aufzeigen. Deshalb fördern wir Baustoffe mit Potenzial, wie Holz, die in innovativen Bauprozessen zum Einsatz kommen. Deshalb suchen wir nach neuen und praktischen Wegen des Umgangs mit begrenzten Rohstoffen und Flächen, befördern Ansätze der Kreislaufwirtschaft und des „Recyclings“. Und deshalb legen wir besonderen Wert auf eine gute Baukultur.

Dazu gehören konstruktive Beteiligungsformate im Vorfeld, professionelle und umschauende Planung und eine möglichst langlebige Realisierung. Dass die Gestaltung dabei mehr ist als ein „Niceto-have“, ist eine Selbstverständlichkeit, denn auch unsere Nachfahren legen Wert darauf, sich mit der baulichen Vergangenheit ihrer Gemeinde und ihres Quartiers identifizieren zu können.

Wir zeigen in diesem Beitrag anhand verschiedener Projektbeispiele, wie durch gute Baukultur in Baden-Württemberg lebenswerte und innovative Bauten geschaffen wurden, die Lösungen für die Herausforderungen ihrer Zeit gefunden haben und kommenden (Bau-)Generationen ein Vorbild sein können. Wir zeigen, wie heute und in Zukunft eine Baukultur aussehen kann, die nicht nur das „schöne“ Gebäude im Blick hat, sondern zugleich für zukunftsbewusstes Planen und Realisieren steht und damit einen Beitrag dazu leistet, unsere Welt als einen lebens- und liebenswerten Ort zu erhalten. Denn „Jetzt für morgen“ lautet nicht nur der programmatische Titel des aktuellen Koalitionsvertrags in Baden-Württemberg. Auch mit unseren Bauprojekten weisen wir im Idealfall den Weg aus dem „Jetzt“ in die Zukunft und begründen wir das Denkmalerbe von morgen.

Im ersten Abschnitt zeigen wir anhand von Beispielen, wie nahe die Baumeister in Baden-Württemberg in den vergangenen etwa 100 Jahren dem Ziel einer verantwortungsvollen Vorfahren-Generation kamen. Wichtige, auch heute noch bedeutungsvolle Aspekte guten Bauens wurden bereits erstaunlich weitsichtig gestaltet.

Im zweiten Teil entwickeln wir einen Kanon dessen, was Planen und Bauen zeitgenössisch erfüllen muss, damit wir im 22. Jahrhundert als „gute Vorfahren“ wahrgenommen werden können. Dieser Kanon umfasst zum einen die thematischen Anforderungen und Ansprüche, denen unser bauliches Erbe genügen muss. Grundlage ist der Konsens dessen, was etwa durch die Leipzig-Charta 2.0 sowie zahllose fachpolitische Beschlüsse und Erklärungen in den vergangenen Jahren ausgearbeitet wurde, auch durch die Bauministerkonferenz. Zum anderen umfasst der Kanon auch unser „innovationspolitisches Dreieck“, an dem wir den Handwerkskasten der Politik ausgerichtet haben.

Der dritte Abschnitt ist ein Blick in die Zukunft: Wir schauen auf die Internationale Bauausstellung 2027, das aktuelle Großprojekt und Highlight der Region Stuttgart. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, es knüpft an die Ausstellung des Werkbundes 1927 auf dem Weissenhof an. So schließt sich der Kreis.



EIN RÜCKBLICK

HOHE BAUKULTUR FÜR EIN LEBENSWERTES LAND

Baukultur ist nicht nur die gestaltete Umwelt aus Straßen, Plätzen und Gebäuden. Sie ist identitätsstiftend und beeinflusst unsere Lebensqualität maßgeblich. Denn gute Baukultur verbindet Identität und Tradition mit Innovation und Entwicklung. So schafft sie lebenswerte Räume für die Menschen. Sie muss zugewandt, bezahlbar und wirtschaftlich sein.

Die Bauschaffenden in Baden-Württemberg bzw. im Südwesten Deutschlands haben bereits zahlreiche Zeugnisse im Land hervorgebracht, die zur Unverwechselbarkeit der Orte beitragen, diese lebenswert machen und zugleich Lösungen für die Probleme der jeweiligen Entstehungszeit boten.

Im Zentrum der hier ausgewählten Beispielprojekte aus den vergangenen 100 Jahren stehen neue und wirtschaftliche (!) Bauweisen und Baustoffe, gesundes Wohnen für alle sowie nachhaltiges und flächensparendes Bauen. Das ist insofern bemerkenswert, als es zeigt, dass trotz sehr unterschiedlicher Ausgangslagen am Ende der Weimarer Republik sowie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Herausforderungen und Fragestellungen bestanden, die denjenigen unserer Gegenwart ähnlich waren.

Bereits 1927 fand die Ausstellung „Die Wohnung“ des Deutschen Werkbundes in Stuttgart statt. Sie befasste sich, so wie wir heute, mit der Frage: „Wie wohnen?“ In nur vier Monaten entstanden unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe 21 Häuser mit 63 Wohnungen, die heute als die denkmalgeschützte Weissenhofsiedlung und Ikone der Moderne in Deutschland und Europa berühmt sind.

Neben der minimalistischen kubischen Architektur war vor allem die Verwendung neuer Methoden und kostengünstiger Materialien wie Leichtbeton, Korkplatten und Trockenbau ein Novum in der Architekturlandschaft. Flexible Grundrisse und große Fensterbänder, die viel Luft und Licht in die Wohnungen brachten, wurden durch diese damals innovative Leichtbeton- und Stahlskelettbauweise möglich.1 Somit konnten Gebäude schneller und günstiger geschaffen werden, und neben dem Einfamilienhaus entstanden neue urbane Wohnformen wie der Geschosswohnungsbau.

Das Gebäude, entworfen von Le Corbusier, beherbergt heute ein Museum über den Architekten und ist Teil des UNESCO-Welterbes „Das architektonische Werk von Le Corbusier“. Stuttgart, Weissenhofsiedlung, Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier, Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/I. Geiger-Messner, Juli 2018

Neue urbane Wohnformen entstanden infolge des Wohnungsmangels nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den 1950er Jahren, wie die nach Plänen von Hans Scharoun erbaute Wohnhochhausgruppe „Romeo und Julia“ im Stuttgarter Stadtteil Rot.

Aus der Diskussion des Funktionalismus im Wiederaufbau organisierte der Architekt das Gebäude nutzerorientiert von den Funktionsabläufen im Inneren des Hauses ausgehend, ohne dabei einfach nur eine graue Kiste zu errichten.2 Die Typologie des Hochhauses reduziert zudem den Flächenverbrauch pro Wohneinheit enorm und erhöht so die Wirtschaftlichkeit. Durch die Errungenschaft des Wohnungseigentumsgesetzes zu Beginn des Jahrzehnts konnte so der Besitz von Wohneigentum in BadenWürttemberg und der Bundesrepublik einem wesentlich größeren Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.

Die Wohnhochhausgruppe „Romeo und Julia“ wurde nach den Plänen von Hans Scharoun 1954–1959 erbaut. Wohnhochhausgruppe Romeo und Julia, Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/I. Geiger-Messner, 2011

Innovativ ist auch die 1984/85 verwirklichte Tübinger Mietwohnungssiedlung „Schafbrühl“. In der aus natürlichen Materialien gebauten, erneuerbare Energien nutzenden Siedlung fühlen sich die Bewohner auch nach 40 Jahren wohl und schätzen die hohe Aufenthaltsqualität der Außenbereiche sowie die familienfreundlich geschnittenen Wohnungen. Sie stellt ein frühes Beispiel für ökologisches Bauen in einem gesellschaftlichen Miteinander und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern im Wohnungsbau dar.3 In dieser Zeit entstanden gleichzeitig ganze Wohnsiedlungen am Hang, wie zum Beispiel die Siedlung „Im Schneider“ in Waiblingen-Neustadt, die die Vorzüge von Einfamilienhäusern in eine platz- und kostensparende Typologie übertrug. So konnten der Flächenverbrauch reduziert und zudem für reguläre Bauten ungeeignete Hänge genutzt werden.

All diese Beispiele zeigen Lösungen für die damaligen baulichen Herausforderungen in Baden-Württemberg. Der Fokus lag dabei meist auf schnell errichtetem und bezahlbarem Wohnraum. Als reproduzierbare Vorbild- und Modellprojekte haben sie über ihre örtliche Funktion hinaus viel zur Bau-Modernisierung und -Entwicklung im gesamten Land beigetragen und so die Lebensqualität in Stadt und Land verbessert.

Die Mietwohnungssiedlung „Schafbrühl“ hat bereits 1984/85 gezeigt, wie nachhaltiges und lebenswertes Bauen im Mietsektor funktionieren kann. Tübingen, Mietwohnungssiedlung Schafbrühl, Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/F. Pilz, 2018



BAUEN NEU DENKEN

FÜR EIN LEBENSWERTES HIER UND JETZT

Wie können wir als Verantwortliche des frühen 21. Jahrhunderts gute Vorfahren für das 22. Jahrhundert werden? Welchen Anforderungen und Ansprüchen müssen wir gerecht werden und wie sollten wir sie angehen? Der Blick zurück hat gezeigt, es geht nicht darum, den Baustil des 22. Jahrhunderts zu prognostizieren. Unsere Leitidee muss vielmehr sein: Unsere Nachfahren wollen und sollen an uns lernen können. Denn unsere Erfahrungen, die Erfolge und auch die Rückschläge sind der Fundus, aus dem heraus das 22. Jahrhundert seine Herausforderungen meistern wird. So wie unsere Vorfahren den Fragen ihrer Zeit mit Entdeckerfreude, Pragmatismus und auch Risikobereitschaft begegnet sind, wollen auch wir Antworten entwickeln, die den heutigen Aufgaben mit innovativem Drang gerecht werden. Wichtig dabei ist, dass wir unsere Lösungen an den Besonderheiten und an der räumlichen sowie wirtschaftlich-gesellschaftlichen Grundsituation in BadenWürttemberg ausrichten. Beispielhaft sei hier nur die ausgesprochen dezentrale Wirtschaftsstruktur des Landes genannt.

Gewerbe und Arbeitsplätze finden sich auch außerhalb von Verdichtungsräumen in großer Zahl. Wir brauchen daher in allen Fragen der Infrastrukturentwicklung, des Wohnens, der städtebaulichen Entwicklung und des Bauens insgesamt besondere Ansätze.

Zu der nach wie vor vorhandenen hohen Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum kommen weitere Anforderungen hinzu: ein stärkeres Miteinander von Arbeiten und Wohnen, eine lebenswerte Nutzungsmischung und die Integration neuer Arbeitswelten in bestehende und neue Quartiere, hochwertige öffentliche Räume sowie eine gute blau-grüne Infrastruktur und eine auf nachhaltige Mobilität ausgelegte Verkehrsinfrastruktur. Dabei sind zwei Dinge zu berücksichtigen: Unser Boden ist eine begrenzte Ressource mit vielseitigen Nutzungsansprüchen. Urbaner und ländlicher Raum müssen gleichberechtigt entwickelt und damit effizient und nachhaltig genutzt werden. Denn maßvolle und gute Dichte, Funktionsmischung und eine gute Infrastruktur beeinflussen die Qualität unseres Lebensumfelds erheblich. Ein guter, wirtschaftlicher und wertschätzender Umgang mit dem Bestand ist nicht nur aus ökologischen Gründen wichtig, es geht auch um die Identität des Quartiers und der Heimat. Denn: Ziel und Bezugspunkt unserer Baupolitik muss immer der Mensch sein.

Die Wohnsiedlung „Im Schneider“ ist eine in den 1970er Jahren errichtete platz- und kostensparende Alternative zum Einfamilienhaus. Waiblingen-Neustadt, Wohnsiedlung Im Schneider, Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/F. Pilz, 2018

Zentrale Bedeutung bei der Entwicklung und Gestaltung des eigenen Lebensumfelds hat deshalb die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Sie sind die Alltagsexperten, deren Erfahrungen und Bedürfnisse ausschlaggebend sind und die das Gebaute mit Leben und damit mit Sinn füllen. Konstruktive Partizipation und Koproduktion sind Qualitäten zukunftsweisender Planungskultur.

Der Klimaschutz hat eine weitere Facette ins Rampenlicht gerückt: Der Gebäudesektor hat einen erheblichen Anteil am Treibhausgasausstoß. Wir wollen und müssen hier besser werden.

Dieses Ziel ohne Verlust der Lebensqualität und für die Menschen leistbar zu erreichen, wird ein gewaltiger Kraftakt – vor allem aus wirtschaftlicher Sicht mit Blick auf die Bezahlbarkeit des Wohnens, die Akzeptanz und die Wahrung des sozialen Friedens. Denn wir reden beim Wohnen über ein elementares Grundbedürfnis der Menschen und gerade nicht über ein entbehrliches Luxusgut.

Die notwendige Reduzierung der Treibhausgasemissionen ist ohne eine gute und ganzheitliche Baukultur nicht zu bewältigen. Es gilt, alle Bauschaffenden zu sensibilisieren und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie klimaschonend, umweltfreundlich, dabei mach- und bezahlbar und zugleich lebenswert gebaut werden kann. Nur so können im ganzen Land gleichermaßen resiliente Städte und Gemeinden für eine nachhaltige Gesellschaft entstehen, die genug bezahlbaren Wohnraum bereitstellt.

Mit welchen Mitteln und Instrumenten setzen wir eine Politik im Bauwesen um, die diesen hohen Ansprüchen und Anforderungen unserer Zeit gerecht werden kann? Überfordern wir damit das Bauen, da die Ziele Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit im unauflösbaren Widerspruch zueinander zu stehen scheinen? Haben wir überhaupt eine Alternative dazu, es zu versuchen? In einer Zeit der Zuwanderung vieler Menschen, in einer Zeit des spürbaren Klimawandels, in einer Zeit steigender Mieten und angespannter Wohnungsmärkte, hoher Preise für Energie und Material bei gleichzeitig steigenden Anforderungen an den Bau müssen wir mit innovativen Ideen und Augenmaß versuchen, die vermeintliche Gegensätzlichkeit der Ziele klug aufzulösen. Das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

An diesem Punkt erreichen wir das „innovationspolitische Dreieck“, das eine „enkelgerechte“ Baukultur prägt: „Sichtbarkeit“ – „Lerngemeinschaft“ – „Skalierung“.

Jede Innovation bedarf als Erstes der Sichtbarkeit, um wirkmächtig werden zu können. Wir rücken deshalb neue, spannende und auch gewagte Projekte ins Rampenlicht, die zeigen, wie wir den thematischen Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden können. Mit dem Staatspreis Baukultur, der 2024 zum dritten Mal vergeben wird, haben wir einen mittlerweile breit beachteten Verstärker für diese Sichtbarkeit.

Der zweite Eckpfeiler des Dreiecks schließt hieran unmittelbar an: das gemeinsame Lernen. Innovation bedeutet in der Regel keine sofortige Nachahmung, sondern vielmehr eine Aneignung durch Dritte, die im Prozess am Vorbild lernen. Innovationen müssen Lernvorbilder sein. Und eine innovative Gesellschaft, ein innovativer Bau- und Planungssektor sind innovative Lerngemeinschaften.

Die Wohnprojekte der Stadtausstellung und der Neckaruferpark – links das Holzhochhaus „SKAIO“. Heilbronn, Neckarbogen BuGa Luftbild, Foto: © Nikolai Benner, o. J.

Drittens schließlich geht es um die Skalierung. Das bedeutet, Anschubhilfe dabei zu leisten, marktfähige Innovationen möglichst großräumig in der Praxis zu etablieren. Um dies zu erreichen, können wir in Baden-Württemberg auf ein Portfolio verschiedener Förderprogramme und innovationsorientierter Förderansätze zurückgreifen. So stehen im Rahmen der Wohnraumoffensive des Landes Förderangebote zur Verfügung, um qualitätsvollen, gerade noch nicht standardmäßig verfügbaren Lösungen im Einzelfall zur Realisierung zu verhelfen. Unter anderem bildet hier die innovationsorientierte Förderung „Beispielgebende Projekte“ einen kleinen, aber wirksamen Kristallisationspunkt unseres Ansatzes. Auch Projektaufrufe etwa im Rahmen des Ansatzes „Neues Wohnen“, der einem gesellschaftlich geänderten Wohnbedürfnis nachgeht, geben innovativen Projektideen eine Anlaufstelle.

Die Wassertreppe zwischen Karlssee und Anleger bietet Abkühlung für Jung und Alt. Heilbronn, Neckarbogen Wassertreppe, Foto: © Agnes Hofmeister, o. J.

Neben der seit über 50 Jahren erfolgreichen Städtebauförderung – dem großen und mächtigen Hebel für den gelingenden Wandel – stellt auch die seit 2022 deutlich ausgeweitete Wohnraumförderung ein weiteres wirkungserprobtes Instrument zur finanziellen Unterstützung von Wohnbauvorhaben dar. Rund 700 Millionen Euro stehen pro Jahr mittlerweile in diesen starken Investitionsprogrammen zur Verfügung, mit steigender Tendenz für die kommenden Jahre. Sie bieten Städten und Gemeinden sowie den Akteuren des (sozialen) Wohnungsbaus einen attraktiven und breit wirksamen Förderrahmen, mit dem im Sinne der Skalierung gute Praxis in die Fläche getragen werden kann. Über 900 der etwa 1.100 Gemeinden in Baden-Württemberg sind seit Jahren in der Stadtsanierung mit Unterstützung der Städtebauförderung aktiv und erfahren – ein exzellenter Transmissionsriemen für gute Innovationen, um ortsgerecht ihren Beitrag zur gedeihlichen Stadt- und Gemeindeentwicklung zu leisten.

Genau diesem Ziel dienen auch die nachfolgend genannten, herausragenden Beispielprojekte, mit denen der Staatspreis für Baukultur maßgebliche Impulse in unserer Zeit gesetzt hat.

Der Neckarbogen in Heilbronn wurde im Jahr 2020 für die Sparte Städtebau und Freiraum ausgezeichnet und steht beispielhaft für nachhaltige und innovative Quartiersentwicklung. Es entstand wertvoller Stadtraum für vielfältige Nutzungen mit einer beispielhaften grün-blauen Infrastruktur. Auf ehemaligen innerstädtischen Industrie- und Hafenflächen wurde für die BUGA 2019 im Herzen der Stadt ein großzügiger Landschaftspark mit Stadterweiterungsflächen angelegt. Vier „landschaftliche Bänder“ überwinden vorhandene stadträumliche Zäsuren, binden das Neckarbogen-Areal an die umliegenden Stadtquartiere an und ermöglichen vielfältige Nutzungen und Aufenthaltsqualität.

Das ebenfalls im Jahr 2020 für die Sparte Wohnungsbau ausgezeichnete „MaxAcht“ steht beispielhaft für klimaneutrales Bauen und gemeinschaftliches Wohnen.

Auf dem Areal des ehemaligen Olga-Hospitals im Stuttgarter Westen entstand ein hochverdichtetes und dennoch attraktives Wohnquartier. Im Blockinnern des Areals errichtete die Wohnungseigentümergemeinschaft MaxAcht auf einem Eckgrundstück in einem dialogischen Prozess ein viergeschossiges Wohnhaus für eine altersgemischte Bewohnerschaft. Durch den hohen Holzanteil konnte das Gebäude trotz Betonbauweise von Keller und Treppenhaus insgesamt CO2-neutral errichtet werden. Ein großer Teil der Bauteile und Materialien ist später sortenrein trenn- und recycelbar.

Der Holzhybridbau des „MaxAcht“ in Stuttgart wurde klimaneutral erstellt. Stuttgart, MaxAcht, Foto: © Jürgen Pollak, o. J.

Mindestens genauso wichtig, wie den nachhaltigen Baustoff Holz für Neubauten zu verwenden, ist es, bestehende Gebäude zu nutzen und Orte mit Identität und Wiedererkennung zu schaffen. Dem bereits im Jahr 2016 für die Sparte Bauen für die Gemeinschaft ausgezeichnete „Hospitalhof“ in Stuttgart ist es vorbildlich gelungen, einen öffentlichen Ort eigener Prägung und ein attraktives Zentrum des Alltagslebens zu schaffen. Das Ensemble trägt zur Wiedergewinnung urbaner Qualität in einem innerstädtischen Quartier bei und hat wichtige Impulse gesetzt, denn in direkter Umgebung des Gebäudes haben sich nach der Fertigstellung viele weitere Akteure angesiedelt, die das Quartier neu beleben.

Der „Hospitalhof“, ein Ort für Begegnung mit hohem Wiedererkennungswert. Stuttgart, Hospitalhof, Foto: © Roland Halbe, o. J.

Klar ist: Ohne die Nutzung und Sanierung unseres Bestands werden wir unsere Bedarfe nicht auf nachhaltige und umweltfreundliche Weise bedienen können. Ein gutes Beispiel für die Bestandsertüchtigung im Wohnungsbau ist das ebenfalls 2016 für die Sparte Wohnungsbau ausgezeichnete Wohnhochhaus in Pforzheim. Das ursprünglich neungeschossige, 1970 errichtete Gebäude wurde zu einem Energieeffizienzhaus umgebaut. Wesentliche Elemente sind die energetisch optimierte Erneuerung der Fassade sowie die Aufstockung um ein Geschoss. Ein hoher Vorfertigungsgrad erlaubte es, die Sanierung der Wohnungen bewohnerfreundlicher zu gestalten. Die neuen energetischen Maßnahmen und die technische Ausstattung führen zu einer Reduzierung des Energiebedarfs auf zehn Prozent der ursprünglichen Werte. Die Mieten stiegen – bei signifikant gesteigertem Wohnkomfort – nach der Sanierung nur moderat bei gleichzeitig deutlich gesenkten Nebenkosten. Dieses Projekt zeigt, wie selbst die graue Energie der Hochhäuser aus den 1970er Jahren erhalten und somit ein Beitrag zum ressourcenschonenden, flächensparenden und ökologischen Bauen geleistet werden kann.

Vom neungeschossigen 1970er-JahreWohnhaus zum zehngeschossigen Energieeffizienzhaus. Pforzheim, EnergieEffizienzhaus, Foto: © Dietmar Strauß, o. J.


EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT

Wie in den Projekten erkennbar ist, spielt der Bestand eine entscheidende Rolle, auch für die klimafreundliche Weiterentwicklung unserer Städte und Gemeinden. Ohne die Weiter- und Umnutzung unseres Bestands werden wir die Lücke zwischen benötigtem und vorhandenem Wohnraum nicht auf nachhaltige und umweltfreundliche Weise schließen können. Dabei müssen nicht nur der Bestand und seine bereits gebundene graue Energie sinnvoll genutzt, sondern auch der spätere Rückund Umbau von Anfang an mitgedacht werden. Allein in Deutschland entspricht der jährliche Bauabfall4 rechnerisch dem Materialbedarf von 422.000 Wohneinheiten.5 Im Mai 2023 wurde der dritte Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg ausgelobt, der im Jahr 2024 mit dem übergeordneten Thema Um-Baukultur genau diese Belange in den Fokus nimmt. Die mit diesem Staatspreis ausgezeichneten, innovativen und nachhaltigen Projekte aus Baden-Württemberg werden beispielhaft für eine neue Um-Baukultur stehen und darüber hinaus einen Markstein setzen: Wir wagen eine Konzentration auf das Bauen im Bestand und unterstreichen damit dessen Bedeutung.

Aktuell haben wir in Baden-Württemberg mit der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) einen starken externen Impulsgeber, der sich genau den Themen auf experimentelle Weise nähert, die auch das Land beschäftigen, und der innovative, gesamtheitliche sowie übertragbare Lösungen für diese vielschichtigen Herausforderungen sucht. Das Großprojekt bringt bauliche und nichtbauliche Vorhaben zusammen, die sich ehrgeizig mit der Zukunft des Bauens, des Wohnens und Arbeitens auseinandersetzen. Schon jetzt entsteht auf diese Weise ein Netz des Wissens mit relevanten Zukunftsthemen für die Region. Es wird geforscht, experimentiert, zusammengearbeitet, diskutiert und natürlich gebaut – um herauszufinden, wie die lebenswerte Stadt von morgen aussehen und funktionieren kann. Die IBA’27 ist eine echte Lerngemeinschaft. Sie zeichnet ein Bild der Zukunft, in der die Stadtregion Stuttgart als produktiver und lebenswerter Metropolraum im Zeitalter der Resilienz angekommen ist. Mit unseren starken Investitionsförderprogrammen bereiten wir uns darauf vor, für Realisierung und Skalierung dessen zu sorgen, was nach vorne weist.

 

 

Unter dem Strich gilt: Am wichtigsten ist und bleibt der Mensch in seinen konkreten Lebensbezügen – über Generationen hinweg. Baden-Württemberg hat bewiesen, dass der deutsche Südwesten diesen humanistischen Kern im Angesicht der jeweiligen Herausforderungen der Zeit gut bewahren kann. Spannende Projekte wie die IBA’27 setzen diese Tradition fort. Und sie bieten uns, wie im Jahr 1927 die Weissenhofsiedlung, die Chance, gute Vorfahren zu werden.

Man kann im Jahr 2023 auf 75 Jahre Bauministerkonferenz nicht zurück- und auf die kommenden 75 Jahren nicht vorausblicken, ohne sich ganz aktueller Herausforderungen bewusst zu sein. Ja, wir dürfen und sollten auf den Erfinder- und Entwicklergeist unseres Landes vertrauen, in Forschung, Anwendung, in den Planungsbüros und in den Unternehmen. Zugleich muss uns die Frage der Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit aller notwendigen Innovationen verstärkt umtreiben. Die besten Ideen haben letztlich keine Chance, wenn sie wirtschaftlich nicht tragfähig und sozial nicht ausgewogen sind. Denn Wohnen ist kein Luxusgut und darf nicht zum Luxusgut werden, wollen wir den sozialen Frieden als tragende Säule der Akzeptanz für ordnungspolitische Maßnahmen im Bereich des Bauwesens bewahren. Dazu gehört es auch, die Eigentümer (auch als Vermieter) genauso wie Städte und Gemeinden in ihrer jeweiligen Rolle ernst zu nehmen. Ohne sie geht es auf keinen Fall, sie müssen ihren Aufgaben und Zielen gerecht werden können. Dies zu ermöglichen, ist heute mehr denn je Aufgabe des Staates.

1 Philipp, Klaus Jan: Das Reclam Buch der Architektur. Stuttgart 2006. S. 382.

2 Philipp, Klaus Jan: Das Reclam Buch der Architektur. Stuttgart 2006. S. 404.

3 Kraume-Probst, Sabine: wohnen 60 70 80 – Junge Denkmäler in Deutschland: hrsg. v. d. Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland,o. O., o. J.

4 Daten zum Bauabfall für 2020 gleichbleibend zu 2018: https://kreislaufwirtschaft-bau.de/ [10.07.2023].

5 Der jährliche Bauabfall Deutschlands entspricht mit 74,5 Mio. Tonnen rechnerisch dem Materialbedarf für ca. 422.000 Wohneinheiten (Mehrfamilienhaus mit 14 Wohneinheiten und einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 60,9 m2 , vgl. Nagel, Reiner: Baukulturbericht Neue Umbaukultur 2022/23. o. O. Februar 2023, S. 26.