Thüringen

STADT-LAND- THÜRINGEN:

Auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Miteinander

Im 75. Jubiläumsjahr der Bauministerkonferenz blickt Thüringen auf nunmehr über 30 Jahre Siedlungsentwicklung in Städten und Dörfern zurück. Vom Austausch innerhalb dieses Gremiums hat der Freistaat stets profitiert und konnte auch mit seiner Perspektive bereichernde Beiträge auf Bundesebene einbringen.

Futuristische Grafik von Thüringen

©IBA Thüringen, Grafik: Thomas Rustemeyer und Kraus/Lazos Design Practice, Fotos u. a.: Thomas Müller

Bereits in der 2007 erschienenen Broschüre „StadtLandThüringen – Wege des Städtebaus“1 resümierte ein breit gefächerter Blick die Entwicklung von Siedlungsstrukturen im Zuge des zu bewältigenden Strukturwandels. Neben einer Bilanz sich verändernder Rahmenbedingungen und des bis dahin Erreichten wurde mit strategischem Blick nach vorn die Zukunftsfähigkeit Thüringens diskutiert. Thüringen konnte für die zukunftsfähige Siedlungsentwicklung seines vorwiegend ländlich geprägten Raums sowohl über diverse Förderungen auf lokaler Ebene als auch mit Landes- und Bundesbauprojekten selbst Impulse setzen und Vorbildwirkung entfalten.

 

LOKALES MITEINANDER

UNTERSTÜTZT VON STÄDTE- UND
WOHNUNGSBAUFÖRDERUNG

Auf kommunaler Ebene mündete der Zukunftsdialog spätestens mit den integrierten Stadtentwicklungskonzepten in eine konzertierte Planung und Umsetzung. In diesem Zuge haben sich Beteiligungsformate etabliert, bei denen die Kommunalverwaltungen mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren der Stadtentwicklung (zum Beispiel mit Wohnungsunternehmen, Stadtwerken, sozialen Trägern, Privaten und der Bürgerschaft) kooperieren und mit Blick auf gemeinsame Entwicklungsziele zusammen handeln. Neben der Förderung aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) oder der Dorferneuerung ist das Zusammenwirken von Städte- und Wohnungsbauförderung hervorzuheben. Über diese wurden seit 1991 mit einem Fördermittelvolumen von über 7,5 Milliarden Euro aufwertende Investitionen im Gebäudebestand, im Wohnumfeld und im öffentlichen Raum getätigt und damit ein Vielfaches an privaten Folgeinvestitionen in den Thüringer Programmgemeinden ausgelöst. Wie gut beide Förderansätze ineinandergreifen, zeigen zahlreiche innerstädtische Projekte.

In der thüringischen Kommune Nordhausen ist die Zusammenarbeit von Akteurinnen und Akteuren bei vielfältigen Projekten gleich auf mehreren Ebenen gelungen. Ein Beispiel ist die historische Altstadt in Nordhausen. Hier konnten erstaunliche Erfolge im Hinblick auf die städtebauliche Aufwertung des von der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg verschont gebliebenen Fachwerkbestands im Stadtzentrum erzielt werden. Das denkmalgeschützte Gebäudeensemble entlang der Schärfgasse im Altendorfer Kirchviertel drohte – wie viele in Thüringen – zu verfallen. Mit der Sanierung der Fachwerkhäuser und einem ergänzenden Neubau an der Straßenecke „Schärfgasse/Bingerhof“ wurden von der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft mbH Nordhausen (SWG) insgesamt 32 Mietwohnungen geschaffen, davon nahezu die Hälfte der Wohnungen barrierefrei beziehungsweise rollstuhlgerecht. Im rückwärtigen Bereich zeichnet ein Grünstreifen den ehemaligen Verlauf des Mühlgrabens nach und bietet ein naturnahes ruhiges Wohnflair mitten in der historisch geprägten Altstadt. Damit erweiterte die SWG als eine der größten lokalen Wohnungsbestandshalterinnen ihr Portfolio und schuf gleichzeitig zentral gelegene Wohnqualitäten. An dieser Stelle sei auf die starke Rolle der städtischen Wohnungsunternehmen als Partner der Kommunen in den neuen Bundesländern verwiesen, ohne die die Aufwertung derart großer Quartiere nicht zu stemmen wäre. In Nordhausen arbeiten Stadtverwaltung und Wohnungsunternehmen seit über zwei Jahrzehnten in einem gemeinsam gegründeten Gremium („AG Stadtumbau“) zusammen. Die gesammelten Erfahrungen und erreichten Erfolge ermöglichten 2019 die Ausweitung des Miteinander-Arbeitens auf lokale Standortentwickler und private Vermietende.

Nordhausen Schärfgasse rückseitig

Nordhausen Schärfgasse rückseitig. Foto: © Steffen Groß

Nordhausen Schärfgasse straßenseitig

Nordhausen Schärfgasse straßenseitig. Foto: © Steffen Groß

 

KLIMASCHUTZ SOZIALVERTRÄGLICH UMSETZEN

Auf kleinräumiger Ebene ist die Zusammenarbeit im Stadtumbaugebiet Nordhausen-Nord hervorzuheben. Hier werden gleich mehrere Projekte auf dem Weg zum klimagerechten Quartier, unter anderem mit Unterstützung der Städtebauförderung, umgesetzt. Mit dem IBA-Projekt „Multitalent Ossietzky-Hof“ erprobt die SWG entsprechend des Rahmenplans zum „Klimaquartier Nordhausen-Nord“ den klimagerechten Umbau eines teilsanierten Plattenbaustandorts, bei dem die Mieterinnen und Mieter einerseits von einem deutlich höheren Wohnwert und andererseits von niedrigeren Nebenkosten profitieren sollen: sanierter Wohnungsbestand als bezahlbarer und sozialverträglicher Beitrag zur Energiewende sowie zur klimaresilienten und zukunftsweisenden Quartiersentwicklung. Der gesamte Prozess zeigt, dass die bestmögliche Qualität über Wettbewerbe und konzeptionelle Grundlagen sowie über die Zusammenarbeit der lokalen Akteurinnen und Akteure erreicht werden kann.

Ossietzky-Hof

Ossietzky-Hof. Foto: © darstellungsart.com, Madeleine Nolle

Als eines der größten Neubauprojekte der Thüringer Wohnungsbauförderung ist das Projekt „Erlenhöfe“ in Jena zu nennen, mit dem derzeit Klimaschutzaspekte und Sozialverträglichkeit zusammen gedacht werden.

Baustelle „Erlenhöfe im Stadtteil Wenigenjena“

Baustelle „Erlenhöfe im Stadtteil Wenigenjena“. Foto: © WG Carl Zeiss eG/ Goldbeck Webcam Erlenhöfe

Visualisierung „Erlenhöfe im Stadtteil Wenigenjena“

Visualisierung „Erlenhöfe im Stadtteil Wenigenjena“. Foto: © WG Carl Zeiss eG

Hier werden von der Wohnungsgenossenschaft „Carl Zeiss“ eG Jena 128 geförderte und zehn frei finanzierte Wohnungen sowie zwei Wohngemeinschaften und eine Gewerbeeinheit geschaffen und bis 2024 bezugsfertig. Der überwiegende Teil der Wohneinheiten wurde barrierefrei geplant. Zudem sind weitere acht Wohneinheiten uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbar. Der beispielgebende Bau erfolgte in einer modernen modularen und seriellen Bauweise. Die acht Gebäude werden zwei- bis fünfgeschossig erbaut und besitzen 17 separate Eingänge, von denen 13 direkt über einen Fahrstuhl verfügen. Zur Stromgewinnung wird mit Photovoltaikanlagen inkl. Batteriespeicher in Verbindung mit einem Blockheizkraftwerk verstärkt der Forderung nach regenerativer Energieerzeugung nachgekommen. Zur Wärmeerzeugung der Wohnungen wird ein eigenes Nahwärmenetz mit Biomassekessel errichtet. Der Kessel wird ausschließlich mit Holzhackschnitzeln befeuert, die im Rahmen der Grünflächenpflege im Stadtgebiet von Jena anfallen. Von Ein- bis Sieben-Raum-Wohnungen mit Wohnflächen von 36 bis 151 m2 sind alle Wohnungsgrößen verfügbar und sprechen damit ein breites Spektrum potenzieller Mieterinnen und Mietern, insbesondere auch kinderreiche Familien und Menschen mit Handicap an.

Eine Mietpreis- und Belegungsbindung für die 128 geförderten Wohneinheiten von 20 Jahren mit einem Mietpreis deutlich unter dem gesamtstädtischen Durchschnitt leistet ihren Beitrag zur sozialen Durchmischung. Um das Bauen in diesem Marktsegment weiterhin zu ermöglichen, sind sowohl effiziente und intelligente Planungs- und Bauabläufe mit angemessenen Standards als auch ausreichende und flexible staatliche Förderprogramme notwendig, um steigenden Baukosten begegnen zu können.

 

NACHWEISBARE AUFWERTUNG DER
THÜRINGER INNENSTÄDTE UND ORTSKERNE

Das in der Städtekette Erfurt-Weimar-Jena relativ hohe Mietniveau wurde auch im Rahmen der im Jahr 2023 erneut aktualisierten Wohnungsbauförderrichtlinie berücksichtigt. Denn auch wenn sich in Thüringen regional unterschiedliche Entwicklungsvoraussetzungen herausgebildet haben, spielen bundespolitische Neubaubedarfsdiskussionen2 mit sozialer Wohnraumförderung aufgrund dynamischer Mietniveauentwicklung nur in diesen wenigen, größeren Städten eine Rolle. Die Vorausberechnungen des Thüringer Landesamtes für Statistik zeigen landesweit einen nahezu flächendeckenden Trend zu weiterem Bevölkerungsrückgang sowie sich fortsetzender Alterung auf.

In den meisten Thüringer Städten und Gemeinden stellen deshalb niedrige Mietniveaus und steigende Baupreise handlungswillige Eigentümerinnen und Eigentümer vor große Herausforderungen hinsichtlich einer wirtschaftlichen Refinanzierung ihrer Investitionen. Deshalb wurde die Wohnungsbauförderung im Freistaat bewusst nicht nur auf die „Hotspots“ konzentriert, sondern im Rahmen des Innenstadtstabilisierungsprogramms auch für die Zentrenaufwertung der Kleinstädte angeboten, um deren städtebauliche Qualitäten zu erhalten und zu stärken. Die zukunftsfähige Wirkung dieser Strategie zeigt sich durch aufgewertete Wohnqualitäten in den Innenstädten, die mit gut ausgebauter Infrastruktur und kurzen Wegen nicht nur ältere Bewohnerinnen und Bewohner anlocken, sondern nachweislich auch Familiengründerhaushalte zum Zuzug in die Thüringer Kleinstädte bewegen. Dadurch zeigen sich die Thüringer Stadtzentren und Ortskerne heute in einem Sanierungszustand, wie ihn sich die Bewohnerschaft vor 30 Jahren noch nicht hätte vorstellen können. Die Ergebnisse des Landesmonitorings belegen, dass sich die Innenstädte, im Gegensatz zur gesamtstädtischen Perspektive, meist stabilisiert beziehungsweise positiv entwickelt haben. Die altstädtisch und gründerzeitlich geprägten Monitoringgebiete haben zudem eine vergleichsweise jüngere Bewohnerstruktur, was die Familienfreundlichkeit dieser historischen Stadtzentren als Wohnorte unterstreicht.3

 

LANDES- UND BUNDESBAU ALS SÄULEN DER

INFRASTRUKTURENTWICKLUNG

Neben den ausgeführten Förderungen mit Multiplikator-Wirkung wurde der Freistaat Thüringen selbst aktiv und baute ein Infrastrukturnetz auf, das Grundlage für die gute Funktionsfähigkeit des Landes ist. Jenes umfasst Bürogebäude, Institute, Forschungslabore, UNESCO-Welterbestätten, Residenzschlösser, Ministeriums- und Gerichtsgebäude, Justizvollzugsanstalten, Polizeiinspektionen sowie Museen, Archive und den Landtag.

Die Qualität der staatlichen Gebäude ist impulsgebend für das ganze Bauen im Land, weshalb die Vorbildfunktion in jeglichem Sinn ein besonderes Anliegen der Thüringer Landesregierung ist. Im Sinne von Nachhaltigkeitsaspekten gilt es zum Beispiel in besonderem Maße, bei der Planung Folgekosten zu berücksichtigen, damit eine sparsame Bewirtschaftung möglich wird.

Universität Erfurt Mitarbeitergebäude Außenansicht

Universität Erfurt, Mitarbeitergebäude 1. Foto: © Mathias Heller

 

HOCHSCHULBAU ALS BINDEGLIED ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND WIRTSCHAFT

Die Korrelation von Hochschulpräsenz und wirtschaftlicher Kraft sieht man nicht nur an den studenten- und arbeitsplatzintensiven Thüringer Städten Erfurt, Weimar und Jena. Wirtschaftliches Potenzial haben auch Gemeinden mit entsprechend gefüllten Gewerbe- und Industriegebieten beziehungsweise Familienunternehmen mit Tradition und europäischer Ausstrahlungskraft im ländlichen Raum.4, 5 Deshalb hat der Freistaat frühzeitig gezielt die Gründung und den Ausbau von Hochschulstandorten in Kommunen, wie Ilmenau, Nordhausen, Schmalkalden, Gera und Eisenach sowie Gotha und Meiningen, unterstützt. So entstanden moderne Campus mit Standortkonditionen, welche sowohl für (bleibende) Studierende bzw. Absolventen als auch für (sich ansiedelnde) Unternehmen gleichermaßen attraktiv sind. Damit bilden das breite Spektrum und die hervorragende Qualität von Studienangeboten und innovativen Forschungsleistungen mit der räumlichen Verteilung eine gute Grundlage für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung im Land.

Die staatliche Hochbauverwaltung muss bei der schnellen Umsetzung politischer Vorgaben und Programme größtmögliche Flexibilität beweisen. Beispielsweise werden für Forschungsbauten zusätzlich erhebliche Mittel aus dem EFRE eingesetzt, die innerhalb einer Förderperiode realisiert werden müssen. Nicht zuletzt mit dem steigenden Anspruch, die Flächenneuinanspruchnahme zu reduzieren, rückt die Sanierung bestehender Bausubstanz in den Fokus. Beispielhaft zu erwähnen ist hier ein im Jahr 2022 umfassend instand gesetzter DDR-Systembau für die Hochschule Nordhausen oder die geplante Sanierung und Nutzungswiederaufnahme des Heizhauses auf dem Campus.

Hochschule Nordhausen, Hörsaalgebäude nach Baufertigstellung 2022

Hochschule Nordhausen, Hörsaalgebäude nach Baufertigstellung 2022. Foto: © Michael Miltzow

 

INFRASTRUKTURPROJEKTE DER BUNDESWEHR

Die Bundeswehr gewinnt mit ihrer Verteidigungsfunktion, angesichts der alltäglich präsenten und nicht weit entfernten Kriegsgeschehnisse, an Bedeutung. Zudem wirkt sie auch in Thüringen sowohl als attraktive Arbeitgeberin und Ausbilderin in vielen Berufen als auch als beständige Auftraggeberin für Herstellende, Liefernde und Dienstleistende.

Die „Löberfeld-Kaserne“ in Erfurt ist eine dieser Einheiten, welche sich in eine Reihe von zehn Bundeswehrstandorten und fünf Standortübungsplätzen in Thüringen einordnet. Zwei Dienstgebäude und ein Unterkunftsgebäude wurden als dreigeschossige Bauten mit extensiv begrüntem Flachdach als Teil einer Kette zahlreicher Sanierungs- und Neubaumaßnahmen realisiert. Die drei Gebäude sind im Karree angeordnet und schaffen im Inneren eine attraktive Hofsituation als Aufenthaltsbereich. Durch ihre Gestaltung mit Flachdach und Fassadenbekleidung aus Faserzementplatten heben sich die Bauwerke in Form und Farbe eindeutig von der bestehenden Bebauung des umliegenden Kasernengeländes aus den 1930er Jahren ab und setzen ein Zeichen ihrer Zeit. Im Rahmen der drei Baumaßnahmen wurde ein Wettbewerb für „Kunst am Bau“ ausgelobt. Inzwischen hat der Bund richtungsweisende Vorgaben wie die Konkretisierung der „Energieeffizienzfestlegungen Bund“ sowie zum „Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen“ (BNB) erlassen, die nachhaltige Lösungen für einen klimaneutralen Gebäudebestand fokussieren, ohne dabei den Blick für die architektonische Qualität und den umgebenden, urbanen Raum zu verlieren.

Löberfeld-Kaserne nach Baufertigstellung 2017

Löberfeld-Kaserne nach Baufertigstellung 2017. Foto: © Marcus Rott

 

RETTUNG DES BAUKULTURELLEN ERBES UND GEMEINSAME SUCHE NACH EINER IDENTITÄTSSTIFTENDEN NUTZUNG

In den Thüringer Städten wie auch deren Umland ist es Aufgabe und Herausforderung, eine sehr große und gleichzeitig baukulturell wertvolle Substanz zu erhalten. Neben denkmalgeschützten Fachwerkensembles sind das vor allem eindrucksvolle Burgen, Schlösser und Kirchen, die Besucherinnen und Besucher immer wieder ins Staunen versetzen. In diesem Zusammenhang ist das langjährige Wirken der „Stiftung Schlösser und Gärten“ zu erwähnen, der die Erhaltung und Fortentwicklung von 31 der bedeutendsten Kulturdenkmale Thüringens obliegen. Dankenswerterweise stellte der Bund hierfür im Rahmen eines Sonderinvestitionsprogramms 100 Millionen Euro bereit, welche in gleicher Höhe vom Freistaat gegenfinanziert werden. In einigen Fällen fördert jedoch ein spekulationsbedingter Eigentumswechsel beziehungsweise die Passivität der Eigentümerschaft den zunehmenden Verfall.

Der Freistaat Thüringen hat mit der Enteignung der dem Verfall preisgegebenen „Schlossanlage Reinhardsbrunn“ einen Präzedenzfall geschaffen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde der Eigentümer eines unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes enteignet, um dem Verfall des kulturhistorisch bedeutsamen Ensembles Einhalt zu gebieten. Die in den Denkmalschutzgesetzen der Länder geregelten Enteignungsvorschriften wurden bis dahin nicht angewandt und galten deshalb als „zahnlose Tiger“. Das 1085 gegründete Hauskloster der Ludowinger gilt als die Wiege Thüringens und entwickelte sich im Laufe einer bewegten Geschichte zum heutigen Schlosskomplex. Nach dem Verkauf durch die Treuhand im Jahr 1990 und mehreren Weiterverkäufen folgten Leerstand und Passivität des Eigentümers, welche zu baulichem Verfall führte. Ab 2012 erfolgten Notsicherungen durch den Freistaat Thüringen, worauf im Jahr 2014 ein Gutachten zur Möglichkeit einer Enteignung ausgearbeitet und im Rahmen eines Enteignungsverfahrens von 2018 bis 2021 umgesetzt wurde. Nach Rechtskraft des Enteignungsurteils im Januar 2021 ging das Schloss auf dem Gemeindegebiet der Kommune Friedrichroda in das Eigentum des Freistaates über. Damit konnte die Bauverwaltung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Verwahrlosung beginnen, den Niedergang des hochrangigen Bau- und Gartendenkmals zu stoppen, das Gebäude vor Vandalismus und Diebstahl zu schützen und die Verkehrssicherheit herzustellen. In Bezug auf eine zukunftsfähige Nutzungszuführung setzt der Freistaat auf eine Ergebnisfindung unter Einbeziehung der Bürgerschaft. Im Frühjahr 2023 initiierte die Landesregierung dazu einen öffentlich-partizipativen Prozess. Im Juni 2023 fand eine Expertentagung statt, mit deren Impulsen bis Ende des Jahres ein integriertes, nachhaltiges und wirtschaftlich tragfähiges Nutzungskonzept gefunden werden soll.6

Schloss Reinhardsbrunn frontal

Schloss Reinhardsbrunn. Foto: © Johann Philipp Jung

Kommunen können oftmals nicht alleine den Sanierungsbedarf baukulturell besonders bedeutender, großer und meist denkmalgeschützter Bestandsobjekte finanzieren. Dieser kann über das Bundesförderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ mitfinanziert und somit die Städtebauprojekte wieder einer Nutzung zugeführt werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel das erst kürzlich wiedereröffnete Gradierwerk in Bad Salzungen, eines der deutschlandweit am besten erhaltenen Gartenstadtensembles „Am Schmalen Rain“ in Gotha und der „Eiermannbau“ als Vorzeige-Revitalisierungsprojekt für Industriearchitektur und Arbeitszentrale der IBA Thüringen in Apolda.

Bad Salzungen Gradierwerk

Gradierwerk Bad Salzungen. Foto: © Steffen Groß

Häuserfassaden Gotha

Gartenstadtensemble Gotha. Foto: © Steffen Groß

 

DER GEMEINSAME STADT-LAND-BLICK

ALS ZUKUNFTSAUFGABE

Die Thüringer (Klein-)Städte fungieren als identitätsstiftende Ankerzentren im vorwiegend ländlich geprägten Raum, wobei die Landeshauptstadt Erfurt mit über 200.000 Einwohnerinnen und Einwohnern nach bundesweiter Gruppierung als einzige „kleine Großstadt“ das Maß von Urbanität in Thüringen vorgibt. Mit Blick auf die Bewältigung kommunaler Aufgaben stellt diese kleinteilige Siedlungsstruktur allerdings eine Herausforderung dar, vor allem vor dem Hintergrund zu sichernder Daseinsvorsorge. Neben Eingliederungen und Zusammenschlüssen von Gemeinden zeigen insbesondere Formate der interkommunalen Zusammenarbeit Wege auf, wie Aufgaben effizient erfüllt oder Ressourcen gebündelt werden können. Das Spektrum reicht hierbei vom ersten gemeinsamen Flächennutzungsplan der Gemeinden Ruhla, Wutha und Farnroda oder dem Städtedreieck am Saalebogen über die gemeinsame touristische Vermarktung kulturhistorisch verbundener Regionen, z. B. Stauseeregion Bleiloch und Hohenwarte – „Thüringer Meer“ –, bis hin zu länderübergreifenden Kooperationen, wie die Initiative Rodachtal. Hier wurde schon frühzeitig und gebietsübergreifend Standortkonkurrenzen entgegengewirkt und Win-win-Konstellationen von Stadt und Umland erkannt.7

Fertigstellung des Eiermannbaus in Apolda

Foto nach Fertigstellung des Eiermannbaus in Apolda. © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller

 

DIE IBA THÜRINGEN ALS
ZUKUNFTSWERKSTATT

Auf Beschluss der Thüringer Landesregierung wurde 2012 die IBA Thüringen gegründet. Seither verfolgt die IBA Thüringen das Ziel, produktive Landschaften, zukunftsfähige Dörfer und lebenswerte Quartiere zu schaffen. Im Mittelpunkt stand dabei die Leerstandsbeseitigung durch eine gemeinwohlorientierte Nutzungszuführung und nachhaltiges (Um-)Bauen sowie die Vernetzung von Akteuren, um im gemeinsamen Handeln von Kommunen und Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft neue Wege der Projektumsetzung zu finden. Die Ergebnisse wurden in Form richtungsweisender Denkansätze im Rahmen des IBA-Präsentationsjahr 2023, unter anderem beim Bundeskongress „Nationale Stadtentwicklungspolitik“ am 12. und 13. September 2023 in Jena, vorgestellt und in der Zukunftswerkstatt „StadtLand – Wege zu einem neuen Miteinander“ diskutiert. Auch die einzelnen IBA-Projekte wurden hier näher beleuchtet.

Bahnhof Rottenbach von außen

Bahnhof Rottenbach von außen. © Foto: Thomas Müller

 

DIE IBA THÜRINGEN ALS
ZUKUNFTSWERKSTATT

Ein wichtiger Handlungsschwerpunkt der sogenannten „Leer-Gut-Baustelle“ war die Reaktivierung leerstehender Bahnhofsgebäude. Die im 19. Jahrhundert aufwendig gestalteten Empfangsgebäude präsentierten den Stadteingang und galten als Identifikationsmerkmal wirtschaftlicher und touristischer Stärke. Heute wirken die ungenutzten Bahnhofsbereiche samt großflächiger Gleisanlagen als Barrieren im funktionalen Stadtraumgefüge. Insbesondere in kleineren Kommunen strahlen die zunehmend verfallenden Bahnhofsgebäude als städtebauliche Missstände negativ auf ihr Umfeld aus. Andererseits gibt es zahlreiche gute Beispiele, bei denen es gelungen ist, Bahnhofsgebäude zu reaktivieren.8 Mit dem IBA-Projekt „Bahnhof Rottenbach – Ein Tor ins Schwarzatal“ wurde ein Begegnungsort mit regionaler Wertschöpfung geschaffen. Weichenstellend war dabei der Erwerb des Bahnhofsgebäudes durch die Kommune, verbunden mit dem überzeugten Willen der Stadtleitung, gemeinsam mit der Bürgerschaft Ideen für eine Nutzung zu finden. Im Ergebnis gründeten 40 Bereitwillige im Jahr 2015 eine Genossenschaft, um aus eigener Kraft einen Laden im Bahnhof einzurichten. Darüber hinaus sollte der Bahnhof als Verkehrsknüpfungspunkt verschiedener Verkehrsmittel qualifiziert werden. Diese Visionen passten zum Projektaufruf „Zukunft Stadt-Land!“ der IBA Thüringen, die mit ihrer Expertise Bauprojekte mit Sinn für das Gemeinwohl unterstützt. Heute wird der „Bahn-Hofladen“ flexibel für den Verkauf oder als Bürgertreffpunkt genutzt. Zahlreiche Veranstaltungen finden hier das ganze Jahr über statt, auch auf dem Vorplatz, der sich im Sommer für Märkte eignet. Durch das modernisierte und in Nutzung gebrachte Bahnhofsgebäude mit seinen regionaltypischen Landschaftsinseln auf dem Bahnhofsvorplatz als Verkehrsknotenpunkt für Bus, Bahn, Auto und Fahrrad, konnte das Tor ins Schwarzatal wiederbelebt und ein Mehrwert für die gesamte Region geschaffen werden.

Laden im Bahnhof Rottenbach

Laden im Bahnhof Rottenbach. © Foto: Thomas Müller

 

GEMEINSAME LÖSUNGSWEGE FÜR
VIELFÄLTIGE HERAUSFORDERUNGEN

Ein zukunftsfähiges Miteinander gestalten vor allem die Agierenden vor Ort. Diese stehen, nicht nur in den Thüringer Kommunalverwaltungen, vor einer Vielzahl von Zukunftsaufgaben, welche sie nur gemeinsam lösen können. Dazu gehören zu konsolidierende Haushalte, Erfahrungstransfer und kompetent nachzubesetzende Stellen im Zuge des Generationenwechsels (zum Beispiel in Bau-, Planungs- oder Stadtentwicklungsämtern), steigende (Bau-) Preise und Anforderungen bezüglich Vergaberichtlinien und Baustandards sowie Querschnittsthemen wie Digitalisierung, Barrierefreiheit, Energiewende, Klima- und Pandemieresilienz und nicht zuletzt Flüchtlingskrisen und Integration.

Mit Blick auf die Zukunft gewinnt das Thema des klimaneutralen Bauens immer mehr an Relevanz. Die Bauverwaltung muss sich wie die Bauwirtschaft verstärkt mit Fragestellungen rund um nachwachsende Rohstoffe, die Wiederverwendung von Baustoffen und das Bauen im Bestand (graue Energie) auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang ist auch ein Augenmerk auf die Beschleunigung von Bauabläufen durch einen höheren Digitalisierungsgrad sowie modulare und serielle Bauweisen zu legen. Für Thüringen als das „Grüne Herz Deutschlands“ wird ein wichtiges Ziel sein, den regional verfügbaren Rohstoff Holz auch direkt vor Ort zu be- und verarbeiten. Hierzu spielt der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten zur Stärkung der Wirtschaftskraft und zur Vermeidung von CO2-Emissionen durch lange Transportwege eine wesentliche Rolle.

Die inzwischen etablierte Beteiligungskultur kommunal Agierender bietet eine gute Voraussetzung, um sich auch weiterhin alten und neuen Herausforderungen zu stellen. Im Zuge der Aktualisierung zahlreicher integrierter Stadtentwicklungskonzepte wurden Zukunftswerkstätten mit der Bürgerschaft durchgeführt und Leitbilder entwickelt, in denen gemeinsame Ziele formuliert werden. Ein solcher identitätsstiftender Beteiligungsprozess ist ausschlaggebend für Akzeptanz und Mitwirkungsbereitschaft, auch in Bezug auf spätere bauliche Manifestierungen im städtischen oder ländlichen Raum.

Das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft fördert diesen Dialog und Erfahrungsaustausch zwischen den lokal Agierenden über verschiedene Beteiligungsformate und bringt sich als Landesebene aktiv ein. Dazu gehören beispielsweise Expertenworkshops und Fachkonferenzen in den Regionen, eine durch die Stiftung Baukultur Thüringen neu ins Leben gerufene „Mayors Academy“, die seitens des Ministeriums unterstützt wird, sowie die mittlerweile etablierte Transferveranstaltungsreihe unter dem Motto „Zusammen denken – gemeinsam handeln.“9 Zur Wirkungsbeobachtung und Zielkontrolle geförderter (Bau-)Maßnahmen sind fachspezifische und integrierte Monitoringsysteme mittlerweile unerlässlich. Das Thüringer Landesmonitoring zum Stadtumbau kann mit 42 Monitoringkommunen und 200 Monitoringgebieten sowie einem breiten Indikatorenset mittlerweile auf langjährige Zeitreihen zurückgreifen und somit auch einen evaluierenden Blick auf die Quartiere werfen.10

Aufgrund zunehmender Komplexität werden ressortübergreifende Abstimmungen auch auf Bundes- und Landesebene immer wichtiger, nicht nur für die Förderbegleitung bedeutender Stadtentwicklungsprojekte, sondern auch zur Harmonisierung von Förderrichtlinien oder zur Entbürokratisierung von Verwaltungsverfahren. Interministerielle Arbeitsgruppen oder auch der regelmäßige Austausch zwischen den Fachressorts scheinen dabei Erfolg versprechend zu sein und nicht zuletzt ein zukunftsfähiges Stadt-Land-Denken. Auf der Ebene des Bundes und der Länder kommt der Bauministerkonferenz mit ihren Ausschüssen und themenbezogenen Fachkommissionen als Arbeitsgemeinschaft und verbindende Struktur auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der gemeinsamen Bearbeitung der bestehenden und noch zu erwartenden Herausforderungen zu. Kreativität und gegenseitiges Verständnis sind dabei unerlässlich, um miteinander tragfähige Antworten auf die sich sehr dynamisch verändernden Fragestellungen der Zukunft zu finden.

Auch der Freistaat Thüringen misst der Städtebauförderung als Leitprogramm für eine zukunftsfähige, nachhaltige, resiliente und moderne Entwicklung der Städte und Gemeinden große Bedeutung bei. Dies gilt insbesondere für den Erhalt lebendiger und identitätsstiftender Stadt- und Ortskerne, Maßnahmen für den Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel, das Schaffen von Grünraum und von Wohnraum sowie bedarfsgerechten und zukunftsorientierten Infrastrukturen. Zugleich sind auch langfristig belastbare Strategien zur urbanen Resilienz erforderlich, um negative Auswirkungen besonderer Ereignisse (wie Pandemien, Hitzeperioden oder auch Naturkatastrophen) durch bauliche, soziale und ökonomische Strukturen zu begrenzen. Übergeordnetes Ziel der Städtebauförderung bleibt dabei, Austausch und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle zu ermöglichen, eine Vielfalt von Akteuren bei der Stadtentwicklung zu integrieren und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Es lässt sich resümieren, dass erfolgreich begangene Wege auf der Basis von Kooperationen weiterzuentwickeln sein werden, um den Strukturwandel bewältigen zu können; auch wenn, beziehungsweise gerade weil, der Anspruch im Rahmen der Daseinsvorsorge formuliert wird, gleichwertige und nicht gleichartige Lebensbedingungen in den siedlungsstrukturell unterschiedlich geprägten Räumen zu schaffen.

1 Bauhaus-Universität Weimar/Thüringer Ministerium für Bau und Verkehr (Hg.): Stadtland Thüringen – Wege des Städtebaus. o. O. 2007, 245 S.

2 „Generell zeigt sich jedoch sowohl in den bundespolitischen Maßnahmen als auch in der medialen Berichterstattung eine auf die Probleme von Ballungsräumen verkürzte Betrachtung.“
In: Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (Hg.): 2. Wohnungsmarktbericht Thüringen. o. O. 2018, 116 S., S. 98.

3 Arbeitsgruppe Begleitforschung zum Stadtumbau in Thüringen (2022): Monitoringbericht 2021, 117 S. aufrufbar unter: https://stadtentwicklung-thueringen.de/wp-content/uploads/2022/09/Stadtumbau_Monitoringbericht_Thueringen_2021.pdf, S. 105 [03.07.2023].

4 Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH (Hg.): Zwischenbericht. Thüringer Weltmarkt- und Technologieführer/Hidden Champions
in Thüringen. o. O. 2023, 14 S.

5 Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Hidden Champions und
Stadtentwicklung – Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung innovativer Unternehmen für Kleinstädte in peripherer Lage. Bonn
2019, 64 S., hier S. 18.

6 Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH: Expertentagung zur zukünftigen Nutzung am 9. Juni 2023. In: Perspektive Schloss Reinhardsbrunn. https://www.leg-thueringen.de/perspektive-schloss-reinhardsbrunn-expertentagung/ [03.07.2023].

7 Arbeitsgruppe Begleitforschung zum Stadtumbau in Thüringen: Handlungsfeld 3: Mit Akteur:innen in Stadt und Umland kooperieren.
In: Wie Städte ihre Zukunft gestalten: Wegweisende Projekte der Thüringer Stadtentwicklung. https://stadtentwicklung-thueringen.de/mit-akteurinnen-in-stadt-und-umland-kooperieren [03.07.2023].

8 Arbeitsgruppe Begleitforschung zum Stadtumbau in Thüringen: Handlungsschwerpunkt: Bahnhofsgebäude und -umfelder reaktivieren
In: Wie Städte ihre Zukunft gestalten: Wegweisende Projekte der Thüringer Stadtentwicklung. https://stadtentwicklung-thueringen.de/handlungsschwerpunkt-bahnhofsgebaeude-und-umfelder-reaktivieren [03.07.2023].

9 Arbeitsgruppe Begleitforschung zum Stadtumbau in Thüringen: Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch im Hinblick auf zukunftsfähige Stadtentwicklung
In: Wie Städte ihre Zukunft gestalten: Wegweisende Projekte der Thüringer Stadtentwicklung. Aufrufbar unter: https://stadtentwicklung-thueringen.de/veranstaltungen [03.07.2023].


10 Ausführlichere Informationen sind in folgender Broschüre dokumentiert: Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (Hg.): Wie Städte ihre Zukunft gestalten – Wegweisende Projekte aus der Thüringer Stadtentwicklung. o. O. 2021, 110 S. aufrufbar unter: https://infrastruktur-landwirtschaft.thueringen.de/fileadmin/Bau/Staedtebau/Staedtebaufoerderung/Publikationen/2021_12_20_Broschuere_Wie_Staedte_ihre_Zukunft_gestalten/tmil-broschuere-staedte-zukunft-barrierearm-klein.pdf [03.07.2023].