Sachsen-Anhalt

STADTUMBAU #MODERNDENKEN

Städte gestalten. Städte fördern. Auf und mit der Zukunft bauen: ressourcenschonend. Nachhaltig. Innovativ.

Im Heute die Welt für morgen verändern: Sachsen-Anhalt als Kernland und Schauplatz deutscher Geschichte ist von jeher geprägt vom Mut, Erfindergeist und Ideenreichtum innovativer Vor- und vor allem Zukunftsdenker.

Auch in Sachen Stadtumbau. In den vielen, eher kleinen und mittelgroßen Städten im weiten ländlichen Raum des Bundeslandes kann man nachspüren, wie es im klugen, integrierten und nachhaltigen Umgang mit bewilligten und verlässlich bereitgestellten Städtebaufördermitteln gelingt, in bester Umbaukultur den Bestand weiterzudenken und innovativ Heimat landauf, landab für eine gute Zukunft weiterzubauen. Der Sachsen-Anhalt-Weg. Wie zum Beispiel in Bernburg (Saale).

Saalplatz Bernburg (Saale). Foto: © Viktoria Kühne

Übergroß-hellweiße Buchstaben krönen das Hochufer der Saale. Die Worte fordern Aufmerksamkeit, sie nähren die Spannung. Und wer der Spur folgt, die Treppen besteigt, höher und höher bis zu jener Terrasse, auf der die Stadt die Installation aufstellen ließ, wird reich belohnt. Nein, nicht nur mit der Auflösung des Rätsels, sondern mit einem privilegierten Blick auf das Wasser, die Landschaft, die Stadt.

Bernburg an der Saale. Foto: © Viktoria Kühne

„ALTE BIBEL“ war dereinst der alte Bürger- und Residenzfriedhof Bernburgs, seine Bibelsprüche auf den Grabsteinen stifteten im Volksmund vielleicht den ungewöhnlichen Namen. Nun in die Jahre gekommen stand das heute als Stadtpark bekannte Landschaftsdenkmal 2015 im Mittelpunkt eines Wettbewerbs. Das Ergebnis: grandios. Der alte Park wie frisch gewaschen, dazu neue Wege, neue Sichtachsen, neue Entrees.


LEBENDIGE ERINNERUNG

Kinderlachen schallt vom Spielplatz herüber, die Alten sitzen auf den gefälliggeschwungenen Bänken und die Jugendlichen lümmeln auf den coolen weißen Leuchtbänken in kristalliner Form. Die sind eine Hommage an den traditionsreichen Kalibergbau in Bernburg und „an das hochwertige Steinsalz, das bis heute hier abgebaut wird“, schaut Dr. Silvia Ristow zufrieden in die grüne Weite, freut sich über blühenden Wilden Salbei und den wiederhergestellten Brunnen mit seinen kühlenden Wassern. Die Stadtoberhäuptin ist für einen Spaziergang durch und ein Gespräch über ihre Stadt zu unserer Verabredung gekommen, sie ist erst seit 2022 im Amt, aber lange in der Stadtverwaltung tätig, kennt hier alles und jeden, die Geschichten und Anekdoten, die Bernburger, ihre Stadt. Und ihren Stadtrat, der – und das mag das Geheimnis des Erfolgs der Saalestadt sein – mit einer Stimme spricht, wenn es um die Entscheidungen über Stadtentwicklungsprozesse, konkrete Projekte, deren Förderung über die öffentliche Hand und die dafür notwendig bereitzustellenden Eigenanteile geht.

Das Leben im Stadtpark jedenfalls ist zurück. Es hat gedauert, sagt sie, längst sollte alles fertig sein, erst kam es zu Verzögerungen, dann kam Corona. Jetzt sei man auf der Zielgeraden mit dem Park. Ein Sorgenkind weniger von den vielen, die auch nach mehr als 30 Jahren nimmermüder Stadtentwicklungs- und -umbauarbeit auf ihre Stunde hoffen. Das weiß Holger Köhncke, der uns beim Gang durch die Stadt begleitet. Lange Jahre war er Bernburgs Baudezernent. Jetzt verantwortet er bereits seit über zehn Jahren die Geschäfte der hundertprozentigen Stadttochter BWG, der Bernburger Wohnstättengesellschaft mbH.

Bernburg (Saale) ist die Kreisstadt des Salzlandkreises. Keine Metropole, keine Großstadt. Mittelgroß, mit rund 32.000 Einwohnern und mit den gleichen Herausforderungen beschäftigt wie die meisten der für Sachsen-Anhalt so typischen kleinen- und mittelgroßen Städte, aber stolz: auf die wieder etablierten Industrien für Soda, Serum, Salz und Zement, auf die gut frequentierte Hochschule. Und man hat Historie, die sich mit den Fürsten von Anhalt in der Nebenlinie Anhalt-Bernburg verbindet. Die nämlich hinterließen der Stadt eines der schönsten Renaissanceschlösser in deutschen Landen, die „Krone Anhalts“, in ihrem Hof: der alte Bergfried. Er hat das Werden und Wachsen, das Auf und Ab in der Geschichte der über 1.000 Jahre alten Stadt gesehen.

Umbau mit Anziehungskraft: Stadtpark ALTE BIBEL. Foto: © Viktoria Kühne


DER WANDEL NACH DER WENDE

Das baukulturelle Erbe ist groß: 300 Einzeldenkmale, über 2.000 Objekte in Denkmalbereichen bzw. -ensembles. Darunter ebenjenes Paradeobjekt: das Schloss, seit Jahren in denkmalgerechter Sanierung. Gerade erst im Juni 2023 konnte dessen Museum nach jahrelangem, aus mehreren Fördertöpfen gestütztem Umbau wiedereröffnet werden. Da sind zudem das CarlMaria-von-Weber-Theater, die ehemalige Orangerie, die Rathäuser, davon das eine im üppigen Stil des Historismus erbaut, das andere im Ursprung ein Marstall in Spätbarock, im Innern im Stil des Art déco gestaltet … Atemberaubende Schönheiten, die 1989/90 in ihrem Bestand ebenso hoch gefährdet waren wie die in vielfältiger Architektur und Kleinteiligkeit errichteten, teils historischen Wohn- und Geschäftshäuser. Nach der Wende trieb das Fehlen von Arbeit und Perspektive rund ein Viertel der damals rund 40.000 Bernburger dazu, ihre Heimat zu verlassen, was ein weiteres Problem verschärfte: Leere statt Leute zog in die Straßen ein. Heute hat sich die Einwohnerzahl zwar auf niedrigerem Niveau, aber weitgehend stabilisiert und man ist auf gutem Weg, Stück für Stück Stadtpracht und damit Wohnund Lebensqualität zurückzugewinnen. Dafür denkt man in der Stadtpolitik in langen Linien konsequent und integriert, bündelt geschickt Förderprogramme und entwickelt Neues stets vom Bestand aus. Das ist in Bernburg so, ist aber typisch für die Baukultur im Land: Sachsen-Anhalt ist Umbau-, weniger Neubauland.

Das Problem und die Lösung: Viele Häuser warten noch auf Rettung. Der vorbildhaft umgebaute Saalplatz hier im Hintergrund. Foto: © Viktoria Kühne



DER SAALPLATZ

PHÖNIX AUS DER ASCHE

Das zeigt sich exemplarisch unten am Saalplatz. Hier, wo sich Bernburgs Bergund Talstadt mit der Marktbrücke verbinden, beherrschte jahrelang ein sprichwörtlicher städtebaulicher Missstand die Bühne. Alte Fotos belegen die Dramatik des Verfalls. Mit dem 2011 postulierten und mit der Bürgerschaft ausgehandelten integrierten städtischen Handlungsansatz „Fokus Saale“ mit „Wohnen und Leben im Zentrum“ wagten die Stadt und die BWG den Kauf der verlassenen privaten Häuser, die BWG sanierte und rettete mittels städtebaugeförderter Sanierung und modernem Lückenschluss das prägende Altstadtensemble.

Heute fügt sich hier wieder Haus an Haus: 20 Wohnungen mit modernen Grundrissen hinter alten und neuen Fassaden, mit sonnigen Balkonen, zentraler, barrierefreier Zugänglichkeit, integriertem Parkraum und Extras mit Zeitgeist wie dem ersten photovoltaikgestützten Mieterstrommodell Bernburgs. Dazu drei Ladengeschäfte im Erdgeschoss. Es ist der Stoff, aus dem die Träume kluger Stadtplanung sind. Und der Mieter magisch anzieht. Im Übrigen vor vier Jahren preisgekrönt: mit dem vom Kompetenzzentrum Stadtumbau und dem Land alljährlich ausgelobten STADTUMBAU AWARD Sachsen-Anhalt. 2019 stand der unter dem Motto „Zukunft Wohnen“.

Preisgekrönt: Saalplatz Bernburg (Saale), STADTUMBAU AWARD 2019. Foto: © Viktoria Kühne

Der Gang über die Marktbrücke. Ein Blick hinunter auf die heute wieder hell glitzernde Saale, die malerisch gelegene Mühleninsel, das rauschende Wehr. Holger Köhncke kennt noch das von Industrie und Chemie übel riechende, gelblich-braune und an den Ufern hoch aufschäumende Wasser. Dann 2012. Der leidenschaftliche Angler fing damals seine erste Meerforelle in der Saale, „was als Indikator für eine gute Wasserqualität gelten darf“. „Ehrlich“, hält er kurz inne, „ich war wirklich gerührt.“ Überhaupt geht es viel um „Gefühltes“ in einer Stadt, wo die Fortschritte kontinuierlicher Stadtheilung einiges bewirken: sowohl nach innen, also für die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt, als auch nach außen: „Bernburg ist wieder Tourismusstadt. Das haben wir durchaus dem erfolgreichen Fördermitteleinsatz zu verdanken“, unterstreicht Silvia Ristow. „Und wenn Leute von auswärts gern kommen und staunen, dann wirkt das wiederum auf das Selbstwertgefühl der Bernburger zurück.“



DER MARKT 28

PALAIS WIRD ÄRZTEHAUS

Der Markt 28 ist ein 1745 in Barock erbautes fürstliches Regierungsgebäude, das trotz seines stark angegriffenen Zustands dem Platz in der Talstadt mit seiner hochherrschaftlichen Fassade ein ganz eigenes Gepräge gibt. Dach und Schmuckgiebel samt Sandsteinrelief mit dem anhaltischen Wappen konnten mittels Förderung bereits saniert werden. „Es waren zähe Verkaufsverhandlungen“, erinnert sich Holger Köhncke. „Die Stadt hat es schließlich aus Privatbesitz erworben, ehe der Verfall sein Werk vollenden konnte.“ Seit 2022 gehört es zum Bestand der BWG, der Bauantrag ist eingereicht. Silvia Ristow: „Die beiden oberen Etagen wird ein Pharmaunternehmen mieten, unten ziehen Ärzte ein. Gut erreichbare medizinische Versorgung mitten in der Stadt, das ist vor allem für die Älteren ein großes Plus.“

Kluge Umnutzung in der Pipeline: langer Leerstand, bald Ärztehaus. Foto: © Viktoria Kühne

Das Projekt ist ein gutes Beispiel für das gute Zusammenspiel von Kommune und kommunaler Gesellschaft. Und es ist über Jahre eingeübt: Eigentumsverhältnisse klären, Stadt kauft und sichert, BWG übernimmt, Hausschwamm oder ähnliche Widrigkeiten werden beseitigt, mögliche Anbauten abgerissen und das Ganze wird schließlich so aufbereitet, dass sich ein potenzieller Investor ein klares Bild vom Zustand verschaffen kann. „Die Braut hübsch machen“, nennt Köhncke das scherzhaft und weiß um den Erfolg, der, nein, nicht über Nacht kommt, der Zeit und einen langen Atem braucht, aber der Stadt Gewissheiten verschafft. „Die Priorität Stadtentwicklung ist im Stadtrat gesetzt“, bekräftigt Silvia Ristow, „darin ist man sich einig, trotz vieler anderer Sorgen und Nöte.“ Auch privaten engagierten Investoren, ob für die „Alte Kanzlei“, die „Alte Post“ oder das „Theatercafé“, konnte so mit Fördermitteln unter die Arme gegriffen werden. Zuweilen aber verbleibt die Immobilie in BWG-Bestand, so wie der Markt 28. Oder auch das „Hotel Wien“.



DAS „HOTEL WIEN“

BÜRGERSCHAFTLICH INITIIERT

Für das seit langer Zeit leerstehende Eckgebäude des traditionsreichen Beherbergungshauses waren seit 1998 mehrere Zwangsversteigerungen erfolglos geblieben. Die Stadt konnte es schließlich kaufen und sicherte den Bau im Rahmen einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme. Damit war der Weg frei für den Fortgang des selbstverwalteten, freien Kulturprojektes, das Studierende der Hochschule Anhalt 2011 im ehemaligen Hotelcafé angestoßen hatten. Die Stadt unterstützte die Idee, eine Kooperation wurde geschlossen. Mit BWG-Übernahme konnte nun das zu DDR-Zeit völlig verbaute Haus im Rahmen einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme grundsaniert werden. „Das Erdgeschoss ist an die Jugendinitiative vermietet. Das steht Bernburg gut zu Gesicht“, hält uns Holger Köhncke einladend die Hauseingangstür auf. „Hier wird handgemachte Musik gespielt, werden Kurse, Bildung und Freizeit angeboten. Und oben wird gewohnt, es sind kleine, feine Appartements mit Gemeinschaftscharakter.“ Es ist ein Angebot für junge Leute, gern Studierende. Die Stadt braucht frisches Blut, das Durchschnittsalter lag 2021 bei 48,7 Jahren.

Cooler Treffpunkt am Markt: Co-Working-Space COI. Foto: © Viktoria Kühne

Das alte Haus an der stark befahrenen Straße ist durch bürgerschaftliche Initiative wieder in Nutzung gekommen und belebt das von Leerstand gezeichnete Markt-Quartier ebenso wie der Laden vis-à-vis, das COI. Wo früher ein Fischladen war, ist heute ein Co-Working-Space, ein 90 Quadratmeter großer und für jedermann offener Arbeits- und Veranstaltungsort der Hochschule Anhalt. Hier teilt man Raum und Ressourcen, schafft Teilhabe und Möglichkeit an gesellschaftlicher Mitgestaltung. Und der Erfolg gibt den Initiatoren recht: „Der Laden läuft!“ Junge Leute kommen, tauschen Ideen und teilen Erfahrung, beleben und erleben Stadt. Die BWG fördert die Miete und finanziert zudem die halbe Stelle. „Es ist gut angelegtes Geld“, sagt die OB überzeugt. Vielleicht liegt ja u. a. in Angeboten wie dem COI, in Orten des Zusammenkommens, die Zukunft unserer von leeren Schaufenstern geplagten Innenstädte?

Mit jungem Leben gefüllt: „Hotel Wien“. Foto: © Viktoria Kühne


INNOVATIONSSCHUB FÜR DIE INNENSTADT

Um diese „Zukunft“ kümmert sich seit April 2023 der Citymanager Roger Warthemann. Sein Feld: die „Innovationsmeile“, ein Projekt, das es 2022 in das aufgelegte Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren ZIZ“ schaffte. Modellhafte Lösungen für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung sind gesucht, solche eben, die längerfristig tragen. Das Citybüro in der Wilhelmstraße: ein einladend gestaltetes Schaufenster, zwei Stufen, offene Ladentür. Er sei in der „neunten Woche“, sagt der Mann augenzwinkernd und arbeite sich ran: „Bestandsaufnahme, Leerstandserhebung, Kontaktaufnahme und -pflege zu Eigentümern, Verwaltern, Vermietern“, das sind die ersten Schritte des studierten Designers. Er will Ansprechpartner sein für Bürger, Händler, Gründer. Gerade habe er die Digitalisierung für eine Onlineplattform der 1,6-km-Strecke zwischen Flutbrücke in der Talstadt und Boulevard in der Lindenstraße abgeschlossen. Denn genau das ist sie, die „Innovationsmeile“, um die es in Bernburg geht und für die er mit den Bernburgern und weiteren Partnern neben dem traditionellen Einzelhandel Chancen für leerstehende Geschäfte und ein neues städtisches Miteinander finden und entwickeln will: „Alte Zöpfe müssen ab.“ Eine Idee, die von einem fahrerlosen, automatisierten Shuttlebus, ist taufrisch und noch lange nicht praxisreif, aber schon mal aller Ehren und weiterer Untersuchungen in einer Machbarkeitsstudie in Gemeinsamkeit mit der Hochschule wert. Und das passt. Denn: Sachsen-Anhalt strebt eine Vorreiterrolle im autonomen Fahren an.

Stadt und Land verbindend: die „Rendezvoushaltestelle“. Foto: © Viktoria Kühne

Was heute noch wie ferne Zukunftsmusik klingt, kann übermorgen gelebter Alltag sein. Das war auch mit dem Vorhaben der „Rendezvoushaltestelle“ am Bernburger Karlsplatz so. Seit Fertigstellung des spacig-schicken Terminals mit seinem unterspiegelten Dach treffen sich hier tatsächlich „alle halbe Stunde mindestens vier Busse, die dann in zwei gegenläufige Richtungen erneut pünktlich starten.

Alle zwei Stunden kommt noch der überörtliche Verkehr dazu“, zitiert Silvia Ristow versiert den Fahrplan. Und er funktioniert! Das schafft derzeit keine Deutsche Bahn. Einsteigen. Umsteigen. Ankommen. Es kann so einfach sein. Doch für viele Bernburger ist der private Pkw noch immer das bequemere Verkehrsmittel. „Es ist unser Wermutstropfen. Wir wollten eine Verdoppelung des Öffentlichen Nahverkehrs erreichen. Aber das Angebot wird noch nicht so angenommen, wie wir es uns wünschen.“ Dafür boomt es im Zusammenhang mit dem Schülerverkehr. Denn Schülerinnen und Schüler, die gibt es in Bernburgs Bergstadt zuhauf.

1,6 Kilometer Innovation: für eine lebendige Innenstadt. Foto: © Viktoria Kühne


WEIL BILDUNG ZUKUNFT IST

Es war der Wunsch der Stunde, als sich im Zusammenhang mit dem Wendestrukturwandel Stadt und Straßen zusehends geleert hatten, die Fachkräfte von morgen als „temporäre Stadtbewohner“ zu gewinnen. Der „Campus Technicus“ als praxis- und berufsorientierende Schule wurde zum Kernprojekt der an der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 teilnehmenden Saalestadt und spült seit Fertigstellung tagtäglich über 800 Schüler der Ganztagssekundarschule in die Innenstadt. Die Architekten Junk & Reich aus Weimar gewannen damals den Wettbewerb um die Modernisierung und städtebauliche Erweiterung respektive moderne Ergänzung des historischen und denkmalgeschützten Schulgebäudes sowie den Neubau einer „versenkten“ Zweifeldsporthalle. Der Gebäudekomplex heilte geschickt ein ursprünglich vernarbtes Quartier, in das man unter dem Schwerpunktthema „ZukunftsBildung“ drei Bernburger Schulen in die Bergstadt verlegt hatte. Die Förderung für den Um- und Neubau speiste sich aus EFRE-, Bundes-, Landes- und kommunalen Mitteln.

Moderne Architektur in historischem Quartier: „ZukunftsBildung“ im Campus Technicus. Foto: © Viktoria Kühne


KLIMA UND DEMOGRAFIE IM BLICK

Es ist Schulschluss. Die Schüler strömen aus dem Gebäude. Im Nu gleicht die Bergstadt einem Wimmelbuch. Und wir laufen mit, zurück an den Saalplatz, den Wassern, der flirrenden Sommerluft. Wir resümieren den Tag und sprechen über das, was noch zu tun bleibt und ist. Die energetische Sanierung des Altbestands sei ein großes Thema. Oder der Unterhaltungsstau bei vielen in die Jahre gekommenen kommunalen Gebäuden, bringt die OB ins Spiel: „Die jüngste Vollsanierung eines innerstädtischen Kindergartens liegt 15 Jahre zurück, die älteste 25.“

Holger Köhncke schaut in die östlich der Saale in der Bergstadt gelegene Plattenbausiedlung „Süd-Ost“. Sie ist eine von drei Bernburger Großwohnsiedlungen aus DDR-Zeit, in denen die kommunale BWG heute 3.400 Wohnungen hält, vor gefördertem Abriss und anschließender Aufwertung waren es rund 7.000 (!).

Von vormals 15 Prozent Leerstand ist man heute bei rund neun Prozent angekommen. „SüdOst“ ist beliebt, ruhig, ein Kiez für sich, im Übrigen schon immer mit Fernwärme versorgt, was ein großer Vorsprung in Zeiten von Klima- und Umweltschutz ist. Die Fernwärme kommt von den Stadtwerken Bernburg, die seit 2020 für die Versorgung u. a. eine große Solarthermieanlage betreiben. Bei Inbetriebnahme war sie die zweitgrößte ihrer Art in Deutschland. Eines ist Holger Köhncke besonders wichtig: „Weil hier viele Ältere wohnen, haben wir uns für den Anbau von Aufzügen entschieden, welche aus wirtschaftlichen Gründen nur das Zwischenpodest andienen.

Alters- und bedarfsgerecht: der Anbau von Aufzügen im Plattenbaugebiet „Süd-Ost“. Foto: © Viktoria Kühne

Der Rückbau von Geschossen war für uns keine Option, da dieser in der Regel eher aufwendig und teuer ist.“ Die Häuser haben so nicht nur funktional, sondern auch durch die farbigen Akzente gewonnen. Es ist eine ergebnisorientierte Lösung, mit einem günstigen Mietpreis und mit einem großen Mehrwert für die Bewohner. Ausgangspunkt für die Unternehmens-Entscheidung: das vom Land aufgelegte „Aufzugsprogramm“. In dem an das Wohngebiet „Süd-Ost“ angrenzenden Bereich der Johann-Rust-Straße werden gerade durch die BWG einige Gebäude gedämmt, nicht komplett, aber mit Bedacht: „Wir dämmen heute aus Kostengründen nicht mehr ganze Häuser, sondern vorrangig die kalten und nicht mit Balkonen verbauten Nordseiten sowie die Giebel.“

Der Spaziergang nähert sich seinem Ende. Es war ein Gang durch eine Stadt, die in Bewegung ist. Immer hellwach, immer auf der Suche nach dem besten Weg für ein gutes Weiter, ganz so, wie es die vielen kleinen und mittelgroßen Städte Sachsen-Anhalts seit ihrem mutigen und schwierigen Neustart 1989/90 versuchen, um im Strudel der Zeit mit sich stetig ändernden Aufgaben in schwingenden Rahmenbedingungen zu bestehen. Die Gedanken treiben mit den Sonnenpunkten im Saalewasser. Der Blick geht zurück und er geht voraus. Die Oberbürgermeisterin spricht schließlich den Schlusssatz, der gern als Einladung gelten darf: „Bernburg war vor über 30 Jahren ein graues hässliches Entlein. Heute sind wir eine schöne Stadt am Fluss, in der man gut leben, Arbeit finden und vor allem bezahlbar wohnen kann.“ Kommen erwünscht!

Auf Spaziergang mit der Oberbürgermeisterin Dr. Silvia Ristow (r.) und dem BWG-Geschäftsführer Holger Köhncke (l.) durch Bernburg (Saale) war im Juli 2023 die Journalistin Cornelia Heller. Foto: © Viktoria Kühne


Die Saalestadt zeigt exemplarisch, wie es in Sachsen-Anhalt glückt, mit guten Konzepten, nachhaltigem und klugem Fördermitteleinsatz und bestem Zusammenhalt aus Bestehendem etwas Neues, Modernes, Zukunftsfähiges zu gestalten: klimaschonend, in Nutzungsvielfalt und Nutzungsmischung, für Alt wie für Jung, altersgerecht, familienfreundlich und inklusiv. Genau so war und ist die Städtebauförderung seit ihrer Geburtsstunde in Sachsen-Anhalt angelegt, um als zentrales Förderinstrument gebietsbezogen und langfristig verlässlich Veränderungen anzuregen und zu unterstützen: breit angelegt, flexibel und nachhaltig wirkend – und auf den Bestand gedacht. Eine analog ausgerichtete soziale Wohnraumförderung könnte Adäquates vor allem im ländlichen Raum leisten. Für attraktive und gleichwertige Lebensverhältnisse. Überall.


STÄDTE GESTALTEN. STÄDTE FÖRDERN. AUF UND MIT DER ZUKUNFT BAUEN: RESSOURCENSCHONEND. NACHHALTIG. INNOVATIV. #MODERNDENKEN IN SACHSEN-ANHALT.