Mecklenburg-Vorpommern

ZWISCHEN BACKSTEIN UND BALKONKRAFTWERK

Wie und womit wird im Nordosten Deutschlands gebaut und warum? Traditionalisten wie Modernisten fallen die gleichen Schlagwörter ein: Backsteinbauten, Reetdächer, Bäderarchitektur. Kenner fügen hinzu: Mütherschalen und Holzbauten; Beton, Stahl und Glas verstehen sich von selbst. Baumaterialien sagen viel über die Überzeugungen und Visionen der Bauherren aus. Anhand prämierter Projekte soll in diesem Beitrag gezeigt werden, worauf die Mecklenburger und Vorpommern Wert legen, wenn es um ihre gebaute Umwelt geht.

Hansakai Ozeaneum Stralsund

Hansakai Ozeaneum Stralsund, Foto: © S. Sauer

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Tourismusland, dünn besiedelt und mit einem außerordentlichen Naturreichtum ausgestattet. Menschen von außerhalb kommen hierher, weil sie die unverbauten Weiten schätzen, die Wälder, die vielen Seen, die kilometerlangen Ostseestrände. Aber es zieht sie auch, und das nicht nur an Regentagen, in die kleinen Ackerbauerstädte, zu den Guts- und Herrenhäusern mit ihren weitläufigen Parks und in die alten Residenz- und Hansestädte. Ihr bauliches Erbe ist den Menschen des Nordostens wichtig; in den Kommunen wird an Altem gerettet, was zu retten ist, und mit erstaunlichem Ideenreichtum den heutigen und künftigen Anforderungen angepasst. Auch dem Modernen gegenüber – und der Diskussion darüber – sind die Nordostdeutschen aufgeschlossen. Bismarcks eher nicht als Kompliment gemeinter Ausspruch, dass in Mecklenburg alles 50 Jahre später als anderswo passiere, wird heute dahin gehend interpretiert, dass man nicht jedem Trend hinterherläuft, sondern erst mal prüft, ob er was taugt. Backstein und Balkonkraftwerk jedenfalls haben die Prüfung bestanden und gehören zu Norddeutschland, ebenso wie Windkraftanlagen und Reetdächer, Mütherschalen und Stahlfassaden.

 

BACKSTEIN

DER EINGEBÜRGERTE

Die Geschichte der Backsteinarchitektur in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Beispiel für eine gelungene Integration. Auch wenn man die mächtigen Kirchen und Klöster, die Wallanlagen mit ihren Toren und die schmuckreichen Bürgerhäuser mit der Hanse und also ihrer Verwurzelung im Norden des Kontinents rund um die Ostsee verbindet – seinen Ursprung hat der Backstein in den warmen Ländern des Südens. In Europa wurde er zuerst in Italien und Spanien, von den Römern und Mauren, verwendet. Aber auch schon in China und Mesopotamien war der Backstein bekannt. Er ist der älteste künstliche Baustoff der Welt. In Nordeuropa wurde nach der ersten Jahrtausendwende meist mit Holz und Natursteinen gebaut. Doch die Brandanfälligkeit des einen und die Knappheit des anderen Baumaterials erforderten neue Lösungen, als die Region mehr und mehr besiedelt wurde. Die Christianisierung tat ein Übriges: Sakralbauten sollten weniger erdverbunden sein und mehr dem Himmel zustreben. Die nordeuropäischen Baumeister des frühen Mittelalters griffen die Technik des gebrannten Lehmquaders auf. Indem sie den flachen, plattenartigen Ziegeln der Südeuropäer die eigene Formensprache hinzufügten, entwickelten sie etwas ganz Neues, das bestimmend für die gebauten Landschaften des Nordens wurde. Mit dem Klosterstein in seinem harmonischen Verhältnis der Kantenlängen von 6:3:2 und seinen vielen Variationen entstand ein Baumaterial, das eine beeindruckende Vielfalt hervorbrachte. Dem vor mehr als 800 Jahren heimisch gewordenen Backstein in seiner warmen rötlichen Ausprägung verdankt Mecklenburg-Vorpommern grandiose Architektur, die seine norddeutsche Identität ganz besonders prägt.

Im Falle von Stralsund und Wismar, deren Innenstädte zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, kann man die fast flächendeckende Verbreitung des mittelalterlichen Backsteinbaus gut nachempfinden, genauso wie in vielen Orten entlang der Küsten und bis weit ins Binnenland hinein. Den universellen Wert dieses Baumaterials auch für die heutige und künftige Zeit belegen kommunale Bausatzungen, die den Backstein – oder Klinker – in den Bauvorschriften der Städte und Dörfer verankert haben.

Ein herausragendes Beispiel und eines der ersten Zeugnisse norddeutscher Backsteingotik ist die Marienkirche in Neubrandenburg, deren Anfänge im frühen 13. Jahrhundert datieren. Nach vielen Bränden und Umbauten wurde sie im Zweiten Weltkrieg abermals zerstört und bis 2001 nach einem Entwurf des finnischen Architekten Pekka Salminen als Konzertkirche auf- und umgebaut. 2002 hat sie den Landesbaupreis erhalten. Der Zuschauersaal umfasst 850 Plätze und verfügt über ausgezeichnete akustische Verhältnisse.

Marienkirche in Neubrandenburg

Marienkirche in Neubrandenburg. Foto: © B. Schaeffer

Marienkirche in Neubrandenburg von innen

Marienkirche in Neubrandenburg. Foto: © B. Schaeffer

Ein Beispiel für die moderne Interpretation des Backsteins ist der Neubau des Stall- u. Laborgebäudes am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Er bekam im Rahmen des Landesbaupreises 2014 eine Anerkennung, insbesondere wegen der gelungenen Bettung der Gebäude in die Landschaft mit ihren kleinteiligen Baustrukturen der 1920er Jahre. Innerhalb der engen Grenzen der beabsichtigten Funktion entstanden funktionale Räume, die dem Bauwerk im flachen Landschaftsbild eine liegende Gesamtproportion verleihen. Die angemessene Architektur mit großer norddeutscher Klarheit und Sorgfalt in den Details erhielt viel Lob.

Glasfront des Stall- u. Laborgebäude am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems

Stall- u. Laborgebäude am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Foto: © R. Mader

Außenansicht Stall- u. Laborgebäude am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems.

Stall- u. Laborgebäude am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Foto: © M. Schmieding

Die Backsteininterpretation in der Amtsscheune in Zarrentin am Schaalsee ist ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit und moderne Einpassung in einen historischen Kontext. Sie errang den Landesbaupreis 2022 in gleich zwei Kategorien, Architektur und Technische Gebäudeausrüstung. Für den Neubau wurden hohe Hürden errichtet: Berücksichtigung der historischen Klosteranlage und Schaffung eines modernen Verwaltungssitzes mit höchsten energetischen Ansprüchen. Beides ist gelungen. Die vorgehängte Fassade aus Ziegelplatten, die sich über das Dach bis zum First erstreckt, wurde mit Gauben aus Cortenstahl und Panoramafenstern kombiniert. Das Energiekonzept setzt auf nachhaltige Vielfalt: Wärme und Kälte werden durch oberflächennahe Geothermie erzeugt. Eine kontrollierte Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung sorgt für einen geringen Heiz- und Kühlbedarf. Der erforderliche Strom wird zum großen Teil über die eigene Photovoltaikanlage gewonnen.

Amtsscheune Zarrentin mit Kirche

Äußerst gut gelungen ist diese Lösung in Anbetracht der denkmalpflegerischen Auflagen, die reflektierende Oberflächen in sichtbaren Bereichen ausgeschlossen haben. Deshalb wurde das Dach mit Shedflächen in Südausrichtung ausgerüstet und die Photovoltaikanlage aus transparenten Modulen ausgeführt, die viel Tageslicht ins Dachgeschoss lassen. Die Verquickung von moderner Ausstattungs- und Bauweise wird von den Bürgern der wachsenden Kleinstadt in der Metropolregion Hamburg sehr gut angenommen. Die auf die Stärkung der Innenstädte angelegte Städtebauförderung von Bund und Land wird hier eindrucksvoll deutlich, denn auch die umgebende ehemalige Klosteranlage mit Verwaltungsräumen, Veranstaltungssaal, Bibliothek, Museum und Standesamt ist in früheren Jahren mithilfe von Städtebaufördermitteln saniert worden und hat sich zum Zentrum des Ortes entwickelt.

Detailaufnahmen der Amtsscheune in Zarrentin

Amtsscheune in Zarrentin. Fotos: © D. Summesgutner

Amtsscheune in Zarrentin aus der Vogelperspektive

 

REET

DAS GENIALE ROHR

In den Küstenregionen ganz besonders, aber auch im norddeutschen Binnenland sind mit Schilfrohr gedeckte Häuser beliebt und nicht wegzudenken. Reetdächer stehen anderen Bedachungsstoffen in nichts nach und können bei guter Pflege viele Jahrzehnte alt werden. Schilfrohr muss vor der Ernte Frost oder starkem Wind ausgesetzt sein, damit es seine Blätter verliert und den optimalen Reifegrad erreicht, dies ist im Norden in der Regel gegeben. Es wird vielerorts in Deutschland geerntet, aber auch importiert, beispielsweise aus Osteuropa, der Türkei oder China. Von besonders guter Qualität ist es dort, wo es in Brackwasser steht, also einer Mischung aus Süß- und Salzwasser.

Das Decken von Dächern mit Schilfrohr ist eine der ältesten Techniken beim Hausbau, ihre Geschichte reicht bis 4000 vor Christus zurück. Die Kunst des Reetdachdeckens wurde in der Regel mündlich während der Arbeit auf dem Dach überliefert und hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Fachliche Regeln wurden erst im 20. Jahrhundert aufgestellt, und eine spezialisierte Berufsausbildung gibt es erst seit der Jahrtausendwende. Das Reetdachdecker-Handwerk ist im deutschen Verzeichnis für das immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO gelistet.

Scheunentrio Prerow Eck Ansicht

Wie dem feuchten Boden entwachsen wirken diese Wohnhäuser auf dem Darß, welche im Rahmen des Landesbaupreises 2014 und 2019 ausgezeichnet wurden. Unmöglich, sich diese Wohnhäuser mit Scheunenanmutung in einem städtischen Kontext vorzustellen. Beständige Materialien wie Holz und Schilf heben die Natürlichkeit der Architektur hervor. Die Verwendung des Reets für Wand und Dach ohne Dachüberstand und Traufe lässt an einen borstigen Pelz denken, der Schutz vor Wind und Wetter assoziiert. Die Neuinterpretation regional vorhandener Typologien und Materialien kann als beispielgebend für das Bauen im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns gelten.

Reet Haus auf dem Darss von außen

Wohnhäuser auf dem Darß. Fotos: © S. Melchior

Eine gelungene Adaption des Reet-Themas – und dabei dem Prinzip der Nachhaltigkeit ganz besonders verpflichtet – stellt das neue Kunstmuseum in Ahrenshoop dar. Aus der baukulturellen und geistigen Tradition des Ortes zwischen Bodden und Ostsee entwickelten die Architekten ein zeitgemäßes Konzept für das Haus. Im Sinne des Weiterbauens wurde die Gestaltung einer Gruppe reetgedeckter Häuser in der Nachbarschaft in einen Museumsneubau transformiert. Dabei knüpften die Planer an die Haltung der Ahrenshooper Künstler an, deren Suche nach Modernität in ihren Werken aus der Verbundenheit mit Ort und Landschaft zu verstehen ist. Die strukturierten Metallfassaden, Eichenholz und Terrazzoböden erinnern an die ortstypische Reduktion auf das Wesentliche und sind somit ein Beispiel für modernen Regionalismus.

Blick über ein Feld zum Kunstmuseum in Ahrenshoop

Kunstmuseum in Ahrenshoop. Foto: © S. Müller

Kita Stadtspatzen in Wismar von außen

Kita Stadtspatzen in Wismar. Foto: © B. Prante

 

HOLZ

GEHÄMMERT UND BEPLANKT

Holz als natürlicher und nachhaltiger Rohstoff ist für den Hausbau ideal geeignet, denn er verfügt über herausragende Eigenschaften: Holz kann flexibel verarbeitet werden und besitzt sehr gute statische Eigenschaften, es reguliert die Luftfeuchtigkeit und die Innentemperatur im Haus und sorgt so für angenehmes Raumklima, es hat erstaunliche Dämmeigenschaften, kann Schadstoffe filtern und vor hochfrequenter Strahlung schützen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es den Landesbeirat Holz, der sich, 2002 gegründet, dem Baustoff besonders verpflichtet fühlt. Er bündelt Initiativen zur Steigerung des Holzeinsatzes im Land, widmet sich der öffentlichkeitswirksamen Darstellung der Klimaschutzleistungen durch Holzbau und wirkt an der Errichtung und Ausstattung von Wohn-, Gewerbe- und öffentlichen Zweckbauten mit Holz mit. Im Rahmen der Holzbauoffensive unseres Landes wurde ein Kompendium zum modularen Holzbau entwickelt, das als Anregung und Vorlage für vielfältige Bauvorhaben in Holzmodulbauweise gedacht ist.

Die Kita Stadtspatzen in Wismar hat 2020 einen Sonderpreis im Holzbau-Wettbewerb des Bundes erhalten und ist ein hervorragendes Beispiel für ressourcenschonendes, klimagerechtes und lokales Bauen. Das Gebäude aus Lärchenholz wurde in Holzrahmenbauweise mit sogenannter Einblasdämmung errichtet, einem einfachen technischen Lösungsansatz, der sowohl den finanziellen als auch den Zeitaufwand bei Dämmmaßnahmen deutlich reduziert. Der dreischalige Aufbau der Holzrahmenelemente bietet hohen Schall- und Brandschutz bei schlanken, aber tragfähigen Wandquerschnitten.

Kita Stadtspatzen Wismar mit Gruen im Vordergrund

Kita Stadtspatzen in Wismar. Foto: © B. Prante

Im Fall des Wohnhauses in Kemnitzerhagen, das 2019 den Landesbaupreis erhielt, urteilte die Jury, dass der Neubau wirke, als habe er schon immer dort gestanden. Was fast stimmt, denn bis Anfang der 90er Jahre gab es dort ein ähnliches, scheunenartiges Wirtschaftsgebäude, das einst zur Papiermühle des Gutes gehörte. Entstanden ist eine neue Scheune zum Wohnen, die durch Transparenz und klare Strukturen charakterisiert wird, gekrönt von einfacher Lattung der Holzfassade bis zum kostenfreundlichen Einsatz von Schichtholz. Die konsequente Anwendung ökologischer Baumaterialien und die Ausrichtung auf ein energieeffizientes Gebäude liefern ein Beispiel dafür, dass Gestaltung, Funktionalität und Energieeffizienz nicht zwangsläufig zu hohen Kosten führen müssen. Mit Gesamtbaukosten von 1.500 Euro je Quadratmeter Wohnfläche ist das Objekt beispielgebend für anspruchsvolle und gelungene Architektur im ländlichen Raum von Mecklenburg-Vorpommern.

Wohnscheune in Kemnitzerhagen Innenansicht

Wohnscheune in Kemnitzerhagen. Foto: © Scheuring und Partner

Wohnscheune in Kemnitzerhagen. Foto: © Scheuring und Partner

 

BETON

AUCH ALS SCHWEBSTOFF IN
DER HYPARSCHALE

Mit Beton wird im Nordosten gern gebaut. Beton vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, denn er brennt nicht und bleibt noch bei Temperaturen von bis zu 1.000 Grad weitgehend fest und bietet so im Brandfall Schutz. Aufgrund guter schallisolierender Eigenschaften trägt er außerdem zum Frieden unter Nachbarn bei. Der meistverwendete Wohnungsbautyp der DDR – WBS 70 – als Antwort auf das damals drängende Wohnungsproblem wurde im Nordosten entwickelt. In Neubrandenburg entstand 1973 der erste Wohnblock in der Koszaliner Straße, er steht heute unter Denkmalschutz. Von den rund eineinhalb Millionen errichteten Wohnungen in Plattenbauweise bis 1990 war der Typ WBS 70 am weitesten verbreitet. In den Großwohnsiedlungen hat sich seitdem viel getan, um den sich verändernden Wohnwünschen der Menschen Rechnung zu tragen. Vieles wurde rückgebaut, abgetragen, umgebaut, Grundrisse wurden verändert, das Umfeld der Plattenbauten aufgewertet. Hier haben die Förderprogramme zum Stadtumbau riesige Effekte verursacht, und auch die Millionenprogramme zur Wohnraummodernisierung greifen nach wie vor.

Bauen mit Beton war im Nordosten zwischenzeitlich buchstäblich spannend: So in Hyparschalen, Dächern in Form eines hyperbolischen Paraboloids, also einer regelmäßig doppeltgekrümmten Fläche, die sowohl Hyperbeln und Parabeln als auch Geraden enthält. Diese scheinbar schwebenden Dachkonstruktionen des Rügener Bauingenieurs Ulrich Müther wurden in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Wahrzeichen vieler Städte in der DDR. Sie werden heute noch wegen ihrer Leichtigkeit und Transparenz geliebt, bestaunt und vielerorts restauriert, beispielsweise mit dem neuen Werkstoff Carbonbeton, der die Tragfähigkeit der alten Dächer sogar erhöhen kann. In Mecklenburg-Vorpommern sind diese luftigen Gebilde gern in Küstennähe zu finden, so der Teepott an der Warnow-Mündung, der 2018 von den Ingenieurkammern von Bund und Land als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet wurde. Oder die einstige Rettungswache 1 am Strand von Müthers Heimatort Binz auf Rügen aus den 1980er Jahren. Der denkmalgeschützte Bau wird als Standesamt genutzt. Er ist aus zwei dünnen Betonschalen zusammengesetzt, die nur drei Zentimeter stark sind.

Teepott an der Warnow-Mündung von außen

Teepott an der Warnow-Mündung. Foto: © S. Gieratz

Ein ganz aktuelles Müther-Projekt ist der denkmalgerechte und nachhaltige Umbau des ehemaligen Ausstellungspavillons „Bauwesen und Mineralöl AG der DDR“ von 1966 in Rostock-Schutow. Die kulturhistorische Bedeutung des Objektes liegt in seinem Erstlingscharakter – es war der Pilotbau einer freitragenden, Gebäude überspannenden Hyparschalenkonstruktion mit einem frei nutzbaren Innenraum. Die energetische Sanierung und der Einsatz von Wärmepumpen führen dazu, dass der einst reine Sommerpavillon nun ganzjährig genutzt werden kann. Wie sehr die Müther-Bauten die Identität der Nordostdeutschen beeinflussen, zeigt der Gewinn des Publikumspreises im diesjährigen Ingenieurpreis-Wettbewerb: Obwohl prestigeträchtige Bauwerke wie der spektakuläre frei schwebende Königsweg über der Kreideküste Rügens zur Auswahl standen, ist das Voting zugunsten des kleinen Pavillons ausgefallen.

Nicht nur traditionelle, auch hypermoderne Bauten aus Beton, Stahl und Glas lassen sich in Mecklenburg-Vorpommern finden. Zu den mittlerweile sehr bekannten gehört das 2008 eröffnete Ozeaneum in Stralsund (siehe Titel), mehr als acht Millionen Menschen haben es schon besucht. Es gehört heute zur Stiftung Deutsches Meeresmuseum. Der barrierefreie Bau, der sich architektonisch in das Gesamtbild des Stralsunder Hafens einfügen musste, um den Status der Stralsunder Altstadt als UNESCO-Welterbe nicht zu gefährden, wurde kleinteilig angelegt. Die vier Gebäudekomplexe symbolisieren vom Meerwasser umspülte Steine. Zu seinen technischen Attraktionen gehören die großformatigen Aquarienscheiben, die mittels Kränen in das Gebäude eingehoben wurden, und Deutschlands längste freitragende Fahrtreppe, die so lang wie ein Blauwal ist. Die Außenverkleidung ist mit weiß gestrichenen Stahlblechen gestaltet. 2010 war das Ozeaneum „Europas Museum des Jahres“ und erhielt im selben Jahr eine Belobigung im Landesbaupreisverfahren.

Messepavillon Rostock-Schutow historisch

Messepavillon Rostock-Schutow historisch. Foto: © Müther-Archiv Wismar

Der Landesbaupreis Mecklenburg-Vorpommern ist 2022 zum ersten Mal in acht Kategorien ausgelobt worden, um den vielfältigen Architektur- und Ingenieursleistungen besser als bisher gerecht werden zu können. Die Auslober versprechen sich davon eine breite öffentliche Debatte über nachhaltige Lösungen für den Neu- und Umbau von Gebäuden, insbesondere was die Nutzung grauer und goldener Energie sowie Klimaschutzaspekte betrifft. Neben regionaltypischen Baumaterialien setzen Bauherren und Architekten immer mehr darauf, dass die von ihnen errichteten Gebäude energieeffizient werden. Fragen der Heizung und Belüftung, des Wärme- und Energieeinsatzes rücken zunehmend ins Zentrum von Bauplanungen. Dies nicht nur wegen der steigenden Kosten, sondern vor allem aus Klimaschutzgründen. Photovoltaik beispielsweise ist auf dem Vormarsch. Balkonkraftwerke erfreuen sich steigender Beliebtheit, weil man mit ihnen das Klima schützen und die eigenen Stromkosten senken kann. Jeder, der über einen Balkon oder eine Terrasse verfügt, kann seinen ganz persönlichen Beitrag zur Energiewende leisten. Mecklenburg-Vorpommern fördert seit 2022 die Eigenstromerzeugung mittels kleiner Solaranlagen mit einem 10 Millionen-Euro-Förderprogramm, das sehr gut angenommen wird: Auf 1.000 Einwohner kommen bereits fünf solcher Anlagen – doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Auch die Geothermie ist für Mecklenburg-Vorpommern ein Zukunftsfeld, denn die geologischen Bedingungen zur Wärmegewinnung sind günstig. Sie lassen fast flächendeckend die energetische Nutzung thermaler Wässer aus dem tieferen Untergrund zu. Städte mit 5.000 oder mehr Einwohnern eignen sich für geothermische Anwendungen, wenn sie über Wärmenetze verfügen. Erfahrungen hierin haben bereits mehrere Städte im Nordosten, so Neubrandenburg, Neustadt-Glewe, Waren (Müritz) und die Landeshauptstadt Schwerin.

Weil der Bausektor den größten ökologischen Fußabdruck aller Branchen hat, sind die Bemühungen, ihn zu verkleinern, auch im Nordosten groß. Deshalb hat sich 2022 eine Allianz für nachhaltiges Bauen gegründet, die sich für die Verringerung des Flächenverbrauchs, für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, für ökologische und wiederverwendbare Baumaterialien, die Förderung erneuerbarer Energien, zirkuläres Wirtschaften in der Baubranche und vieles mehr einsetzt. Auch der Verein Initiative Baukultur fühlt sich diesen Themen verpflichtet. Bereits 2003 fasste der Landtag Mecklenburg-Vorpommern als erster Landtag in Deutschland einen wegweisenden Beschluss zur Förderung der Baukultur. Seitdem will das Netzwerk Baukultur Akzente für die verantwortungsvolle Pflege und die nachhaltige Entwicklung unserer gebauten Umwelt setzen. Bauen in Mecklenburg-Vorpommern wird auch künftig eine gemeinsame Verantwortung sein, sei es für den Backstein oder das Balkonkraftwerk.

Rettungswache 1 am Strand von Binz auf Rügen

Rettungswache 1 am Strand von Binz auf Rügen. Foto: © A. Jahnke