Vorwort

Als 1948 die Bauministerkonferenz als eine der ersten Fachministerkonferenzen ins Leben gerufen wurde, gab es noch keine Bundesrepublik und der Zweite Weltkrieg hatte das Land in weiten Teilen in Schutt und Asche gelegt. Der Wiederaufbau hatte naturgemäß Priorität. Wie fängt man aber wieder neu an, mit phy ­ sisch und psychisch geschädigten Men ­ schen, schuldig geworden am Leid ganzer Völker, moralisch am Boden und millio ­ nenfach der Not ausgesetzt? Wider aller Wahrscheinlichkeit und vernünftige Er ­ wartung gelingt der Wiederaufbau einer Gesellschaft, eines Staates, einer Volks ­ wirtschaft und der mit ihr verbundenen baulichen Infrastruktur an Wohnungen, öffentlichen Gebäuden, ja ganzen Städten. Von einem Wirtschaftswunder sprachen schon die Zeitgenossen in den 1950er Jahren, doch kann man ebenso gut von einem „Bauwunder“ sprechen. Nicht nur, dass in kürzester Zeit und unter erheblichem Mangel für Millionen von Menschen, darunter selbst Millionen an Flüchtlingen, Wohnraum, Schulen, Fabriken und Büros entstanden sind. Der neue, de ­ mokratische Weststaat vermochte seiner ­ seits auch einen gesellschaftlichen Wandel auszulösen: eine neue, offene, freie und demokratische Gesellschaft konnte ent ­ stehen. Auch wenn dieser Prozess naturgemäß langsam vonstattenging, so ist das Gesamtpaket doch nach wie vor weltweit ein Erfolgsbeispiel. Mit dem Wiederaufbau entstand unter anderem auch eine „de ­ mokratische“ Architektur, die mit Transpa ­ renz, Modernität und Offenheit die neue gesellschaftliche Realität spiegeln und verstärken wollte. Die Modernität etwa des Sichtbetons und mitunter problematische Stadtumbauplanungen, wie etwa die „Flä ­ chensanierung“, sorgten in den 1970ern für eine neuerliche Wertschätzung des Alten: der Denkmalschutz kam zu neuen Ehren. Nicht in erster Linie als rückwärtsgewandte Huldigung an die vermeintlich „bessere Vergangenheit“, sondern als Ausdruck der Suche nach Identität von Quartieren. Dazu kam der soziale Aspekt: Denkmale stehen schon! Man muss sie nicht teuer neu bauen; ihr Wohnraum mag oft nicht allen Ansprüchen genügen. Doch günstiger – und für viele auch schöner – als der Neubau war (und ist) er allemal. Die neue In-Wert-Setzung der Denkmale korrelierte mit der Erkenntnis, dass „Deutschland bereits gebaut“ sei. Auch wenn sich das in zahlreichen Facetten als Fehlannahme herausgestellt hat.

75 Jahre nach der Geburtsstunde der Bauministerkonferenz stehen wir nun unsererseits vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Klimawandel und Klimaanpassung, neue Bedürfnisse einer veränderten Gesellschaft, wieder Krieg in Europa einschließlich einer damit einhergehenden Energiekrise und globale Handelsbeziehungen mit risikoanfälligen Lieferketten. Niemand würde mit den Problemen der späten 1940er Jahre in Deutschland tauschen wollen, doch was wir heute zu bewältigen haben, ist alles andere als Tagesgeschäft. Das Bauen und speziell das Wohnen stehen in mehrfacher Hinsicht im Kreuzfeuer widerstreitender Anforderungen: dem Klimawandel gerecht werden und den ökologischen Fußabdruck minimieren. Wohnen sozial, technisch und wirtschaftlich leistbar, günstig und würdevoll gewährleisten. Dabei ein baukulturelles Erbe hinterlassen, das Städte, Dörfer und Quartiere lebenswert für künftige Generationen erhält. Und schließlich nicht zuletzt einen auch volkswirtschaftlich bedeutenden Sektor von Bauwirtschaft, Produktherstellern, Wohnbauträgern und Bestandshaltern seinen Beitrag zur Wertschöpfung angemessen erbringen lassen.

Wir haben Anlass, die vergangenen 75 Jahre zu feiern. Das Bauwesen hat in der Bundesrepublik sicher nicht alles richtig gemacht, aber sehr vieles gut. Und mit ihm haben die Bauministerinnen und Bauminister der vergangenen 75 Jahre ihren Anteil an der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Damit alles bleibt, muss sich manches ändern: Und so werden auch wir und unsere Nachfolger aufgerufen sein, einmal mehr Planen, Bauen und Wohnen in Deutschland neu zu erfinden. Mit diesem Band wollen wir nicht in Ehrfurcht die Vergangenheit feiern, sondern den Blick auf die Zukunft richten. Denn es geht heute mehr denn je darum, die Grundlagen dafür zu legen, dass die Generationen der kommenden 75 Jahre auf uns stolz sein können. Denn wir wollen gute Vorfahren gewesen sein. Das ist im besten Sinne des Wortes: nachhaltiges Bauen. Dieser Band und die spannenden Beiträge der 16 Länder zeigen: Es geht uns um die Menschen. Für sie planen und bauen wir, um ihretwillen wagen wir Innovationen und manchmal Experimente, scheitern und gewinnen. So wie Wohnen mehr ist als ein Dach über dem Kopf, ein gut gebauter Arbeitsplatz mehr als der Ort, an dem man sein Geld verdient, so ist auch ein Stadtteil und eine ganze Stadt weit mehr als die Ansammlung von Gebäuden und Straßen, in denen die anderen leben. Bei allen Herausforderungen unserer Zeit und bei allen Möglichkeiten, die die Zukunft in technischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht bringen mag: Wir, die Bauministerinnen und Bauminister, die Bausenatorinnen und Bausenatoren, werden nicht vergessen, dass es auch bei uns um den Menschen geht.

Nicole Razavi MdL
Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen
Baden-Württemberg